Szenisch ziemlich artig, trotz Pudel, Ziege und Ratte

Kultur / 27.07.2021 • 20:43 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Eindeutige Avancen: Don Giovanni mit Zerlina und Statistin.
Eindeutige Avancen: Don Giovanni mit Zerlina und Statistin.

Romeo Castellucci bietet mit Mozarts „Don Giovanni“ seinen riesigen Assoziationsladen feil.

Salzburg In erster Linie sind es die Stimmen der Frauen, die der Produktion höchste Qualität verleihen. Eine vom Schnürboden krachende Limousine nach der Ouvertüre zu „Don Giovanni“, der beim berühmten Duett „Là ci darem la mano“ mit Zerlina eine langsam zu Boden schwebende Kutsche folgt, ergeben lediglich zwei der vielen Effekte in dieser Inszenierung. Ein schlüssiges Gesamtbild, mit dem er für „Salome“ vor drei Jahren gefeiert wurde, bleibt Romeo Castellucci den Salzburger Festspielen heuer schuldig. Allerdings lässt auch ein im Programmheft veröffentlichtes Gespräch mit dem italienischen Regisseur und Bühnenbildner darauf schließen, dass es ihm gar nicht daran gelegen war. Don Giovanni, die berühmteste Figur im Opernschaffen von Mozart und Da Ponte, entspricht bei ihm einmal das vitale Leben selbst, das mit ihm verschwindet, und dann ist er doch wieder Sklave seines Genusses. Da wurde man auch in der Geschichte der Salzburger Festspiele, wo das Budget vielschichtige Ideen ermöglicht, schon konkreter. Martin Kusejs Produktion vor vielen Jahren bleibt ein gutes Beispiel, der nunmehrige Direktor des Wiener Burgtheaters inszeniert heuer Friedrich Schillers „Maria Stuart“ auf der Pernerinsel.

Leergeräumter Kirchenraum

Im Großen Festspielhaus bietet Castellucci somit seinen riesigen Assoziationsladen feil. Da schwebt zur Registerarie dann auch noch ein Kopierer von der Decke, während Tasteninstrumente beim Himmelssturz zu Bruch gehen und mehrere Tiere die wechselnden Tableaus anreichern, mit denen er spielt. Eine Ziege huscht durch, Don Ottavio tritt mit Königspudeln verschiedener Größe auf, ist einmal Polarforscher, dann König oder General, Masetto erscheint mit einer Ratte. Eine Statistin verhindert deren Ausbüxen, damit dies mit einem Hasen nicht passiert, gibt es jenen von Dürer. Und wenn wir schon bei der bildenden Kunst sind, wird noch ein spätmittelalterlich-strenges Frauenporträt beklettert, und zwischendrin gibt es ein paar Versatzstücke à la Hans Arp, die die Möglichkeit bieten, Frauenbeine sichtbar zu machen. Grundsätzlich ist das Setting ein leergeräumter Kirchenraum, in dessen Kalkweiß sich der Wüstling bei der Höllenfahrt auflöst. Die Erstarrung der anderen erfolgt nicht, die den Leichen nach dem Vulkanausbruch von Pompej nachempfundenen Skulpturen, die ihnen beigelegt werden, verlassen sie. Donna Anna flüchtet erst einmal nicht in die Ehe, Donna Elvira geht ins Kloster – es wäre schön, wenn Castellucci für sie ein anderes Ende vorgesehen hätte.
Damit wird es aber nichts.

Im zweiten Akt füllt er die Bühne lediglich mit einem Bewegungschor. Sicher mehr als  hundert Frauen – nein nicht die besungenen mille e tre – erobern sich Raum zurück, tragen Kleider in effektvollen Farbschattierungen oder die neue Dessouskollektion und mimen schwarzgewandet den Auftritt des Komturs, der im Orchestergraben bleibt. Das ist schön anzusehen und das Premierenpublikum gab sich damit mehrheitlich zufrieden. Teodor Currentzis, übrigens jener Dirigent, den David Pountney schon 2010 für die Wiederentdeckung von Weinbergs Oper „Die Passagierin“ zu den Bregenzer Festspielen holte, konzentriert sich mit seinem musicAeterna Orchestra auf die Schönheit des Klangs und hat keine Scheu, dafür das Tempo so zu überdehnen, dass man stellenweise kaum noch bei Mozart ist. Davide Luciano (Don Giovanni) kann trotz guter Technik stimmlich vielleicht auch deshalb nicht vollends glänzen, Vito Priante (Leporello), David Steffens (Masetto), Michael Spyres (Don Ottavio) und Mika Kares (Komtur) meistern die Männerrollen auch bei geforderter Langsamkeit auf entsprechendem Niveau, die Stars sind die Frauen. Nadezhda Pavlova (Donna Anna) mit einem Traumtimbre, Federica Lombardi (Donna Elvira) mit Perfektion und intuitiver Kraft und Anna Lucia Richter (Zerlina) mit Temperament und Geschmeidigkeit.   

Mille e tre sind es nicht, aber Frauen erobern sich als Bewegungschor bei Castellucci die „Don Giovanni“-Bühne zurück. APA
Mille e tre sind es nicht, aber Frauen erobern sich als Bewegungschor bei Castellucci die „Don Giovanni“-Bühne zurück. APA

Fünf weitere Aufführungen von “Don Giovanni” bis 20. August im Großen Festspielhaus in Salzburg; Übertragung am 7. August, 22.05 Uhr auf ORF2.