Gerald Matt

Kommentar

Gerald Matt

Callas und Abramović, ein Dreamteam

Kultur / 30.07.2021 • 11:29 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Der Kunststar Marina Abramović feierte nun wieder die Operndiva Maria Callas in einer herausragenden Performance in München. Mit Abramovićs „The Seven Deaths of Maria Callas“ setzt der Österreicher Klaus Bachler einen fulminanten Schlussstrich unter seine Intendanz an der Bayerischen Staatsoper. Schon von Jugend an war Abramović von der Callas fasziniert. Beiden gemein ist die radikale Auflösung der Grenzen von Kunst und Leben.

Da ist Marina Abramović, die mit ihren legendären Aktionen und Werken weder Körper noch Seele und schon gar nicht ihr Publikum schont. Auf der Biennale Venedig thematisierte die wohl wichtigste Performancekünstlerin unserer Zeit die Gräuel des Balkankriegs, indem sie tagelang bluttriefende Knochen wusch und dafür den Goldenen Löwen erhielt. In ihrer sensationellen Performance „The artist is present“ saß sie 721 Stunden schweigend an einem Tisch und sah den Besuchern, die gegenüber von ihr auf einem Stuhl Platz nahmen, in die Augen. 750.000 Besucher sahen die dazugehörende Ausstellung im New Yorker Museum of Modern Art.

Marina Abramović lässt Maria Callas wiederauferstehen, und wenn es auch nur für einen wunderbaren, besonderen Opernabend ist.

Und da ist Maria Callas, die Jahrhundert-Diva, Extremistin der Oper und der Liebe, die sich bis zur Selbstzerstörung total verausgabte und mit 54 Jahren früh verstarb. Legendär ihre unglückliche Affäre mit dem Milliardär Onassis. Abramović und die Callas – ein bisschen sehen sie sich sogar ähnlich. Wenn Abramović sich auf die Suche nach der Psyche von Maria Callas begibt, kommen sich zwei Künstlerseelen nahe. So verwandelt sich Marina Abramović in sieben Sterbeszenen, begleitet von großen Arien, mit denen die Diva Operngeschichte schrieb: zweimal Giuseppe Verdi – „Traviata“ und „Otello“, zweimal Giacomo Puccini – „Tosca“ und „Madama Butterfly“, dazu Georges Bizets „Carmen“, Gaetano Donizettis „Lucia di Lammermoor“ und als Höhepunkt Vincenzo Bellinis „Norma“, live gesungen von jungen Sopranistinnen. Herausragend auch Dirigent Yoel Gamzou, der der Aufführung musikalische Dichte und Einheit gibt, und der Ausnahmeschauspieler William Dafoe als Otello.

Als die berühmte Arie aus Puccinis Tosca „Vissi d’arte“ erklingt, „Ich lebte für die Kunst, ich lebe für die Liebe“, kann man sich der Gänsehaut nicht erwehren. Georges Batailles Gedanke, dass „der Tod offenbar die Wahrheit der Liebe ist, wie umgekehrt die Liebe die Wahrheit des Todes“, könnte den treffenden Untertitel zu Abramovićs grandioser Performance geben.

Dr. Gerald Matt ist Kulturmanager und unterrichtet an der Universität für Angewandte Kunst in Wien.