Rotzfrech und am richtigen Ort

Kultur / 30.07.2021 • 22:18 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Szene aus „Die Puppenmacherin“ von Thomas A. Welte und „Große Töchter“ von dieheroldfliri. stiplovsek, mosman
Szene aus „Die Puppenmacherin“ von Thomas A. Welte und „Große Töchter“ von dieheroldfliri. stiplovsek, mosman

“Die Puppenmacherin” von Thomas A. Welte verleiht dem neuen Theaterfestival Poligonale unvergleichlichen Charakter.

Hohenems Mit Klappmaulpuppen daherzukommen, das muss man sich in Hohenems, der Stadt, in der seit rund 30 Jahren das Puppentheaterfestival Homunculus ausgetragen wird, erst einmal trauen. Doch die Puppen, denen der Vorarlberger Dramatiker, Schriftsteller und Theaterleiter Thomas A. Welte mit seinem Text Kontur verleiht, sind erstens nicht aufs Maul gefallen und werden zweitens von Katrin Jaehne und Pan Selle derart souverän, witzig und mit überraschenden Wendungen geführt, dass es selbstverständlich erscheint, das Stück „Die Puppenmacherin“ ins Zentrum eines weiteren Festivals zu stellen.

Die Zukunft der Poligonale, so der von der Geometrie abgeleitete, etwas sperrige Name, ist zudem nicht auf Figurentheater aufgebaut, beim Stück, das zur Eröffnung der Programmreihe uraufgeführt wurde, war der Einsatz von Pappmaché allerdings absolut nachvollziehbar. Das Material zum Leben zu erwecken, funktioniert – sofern man es kann – innerhalb einer Sekunde. Die Schauspielerinnen des Ensembles X, mit denen Welte bereits bei seinen Projekten für „Shakespeare am Berg“ zusammenarbeitete, beherrschen die notwendige Flexibilität aus dem Effeff, drehen als Stimmgeberinnen für Koppel Bär und Jäckele Narr bis zum Anschlag auf und finden dann, wenn sie die Personen Kaspar und Magdalena spielen, sofort zurück zu jedem auch noch so leisen Ton.

Auch die Handlungsskala, die der Autor wählte, entspricht einem breiten Bogen. In vielschichtigen Rückblenden wird offenkundig, dass hier ein jüdisches Spaßmacherpaar im Krieg getrennt wurde. (Wer den Roman „Nachts unter der steinernen Brücke“ von Leo Perutz kennt, steigt etwas schneller ein, aber auch sonst besteht keine Gefahr, den Faden zu verlieren.) Einige Jahre später offenbart eine junge Frau nicht nur das Schicksal ihrer Mutter, die alles verlor, sondern auch das mangelnde Unrechtsempfinden im Nachkriegsdeutschland, wo ehemalige Nationalsozialisten wieder zu hohen Posten kamen.

Viel Humor

Eine derartige Geschichte mit so viel Humor und rotzfrechen Dialogen zu erzählen, dazu braucht es enormes Gespür für die Wirkung jeder Pointe und Recherchearbeit. Autor Thomas A. Welte hat nicht nur inszeniert, er trägt die gesamte Verantwortung und hat mit der Dramaturgin Christiane Beinl, dem Musiker Christopher Lübeck, den Ausstattern Kerstin Köck Resch und Paul Bianchini und den Schauspielerinnen ein aufeinander eingespieltes Team. Ohne technische Effekte, mit viel Körpereinsatz und Sprachgewandtheit reiht sich Szene an Szene, bis sich auch noch eine zarte Liebesgeschichte anbahnt, während die Gerechtigkeit höchst skurril Raum erhält. Ein inszenatorischer Coup beendet ein gutes Stück, das nach Hohenems gehört.

Dass unweit des Jüdischen Museums auch noch die ältere Produktion „Große Töchter“ mit besonderen Leistungen von Frauen von Barbara Herold ins Festivalprogramm genommen wurde, wirkt angesichts des Auftrittes von Katrin Jaehne und Pan Selle wie eine perfekte Ergänzung.

Rotzfrech und am richtigen Ort

Weitere Aufführungen von “Die Puppenmacherin” in Hohenems (Volksschule Markt) ab 31. Juli, 21 Uhr; Gastspiel “Große Töchter” am 4. und 8. August: www.poligonale.com