Symphoniker-Chef: “Ich möchte, dass dieses Orchester mehr Expressivität entwickelt”

Kultur / 31.07.2021 • 11:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Symphoniker-Chef: "Ich möchte, dass dieses Orchester mehr Expressivität entwickelt"
Andrés Orozco-Estrada leitete in Bregenz die Aufführung der “Schöpfung”, bietet nun “Das Rheingold” von Wagner. BF/Mathis

Ein toller Karrieresprung führte Andrés Orozco-Estrada im Herbst in die Chefposition bei den Wiener Symphonikern.

BREGENZ 2018 wurde der Kolumbianer Andrés Orozco-Estrada als Nachfolger des an die Staatsoper berufenen Philippe Jordan zum Chefdirigenten der Wiener Symphoniker designiert. Damals debütierte er auch bei den Bregenzer Festspielen. Inzwischen ist er ab der Saison 2021/22 fix bestellt und dirigiert nach dem großen Erfolg mit Haydns „Schöpfung“ Wagners „Das Rheingold“.

Mit welchen Erwartungen haben Sie diese Stelle angetreten?

Ich kenne das Orchester mittlerweile sehr gut, auch wenn unsere erste gemeinsame Saison etwas anders gekommen ist als geplant. Ich habe große Lust und Vorfreude, gemeinsam mit den Wiener Symphonikern zu musizieren. Es ist ein schönes Ensemble, sehr liebe Menschen in diesem Klangkörper und: Es ist sehr, sehr gut! Das Orchester kann wirklich alles spielen, und das ist ein großes Geschenk.

Führen Sie als neuer Chef gewisse Gepflogenheiten Ihres Vorgängers im Orchester weiter oder mischen Sie die Karten völlig neu?

Man übernimmt natürlich vieles vom vorhergehenden Chefdirigenten. Das ist für mich etwas sehr Positives. Die Arbeit von Philippe Jordan war hervorragend, das kann ich übernehmen und darauf aufbauen. Jetzt kann ich meinen Charakter einfließen lassen und gemeinsam mit den Musikerinnen und Musikern eine neue Identität aufbauen. Lassen Sie es mich vielleicht so sagen: Es sind dieselben Karten, aber wir mischen sie neu und lassen Neues entstehen.

Sie gelten als temperamentvoller, aber auch sehr umgänglicher Dirigent. Muss es nicht auch eine gewisse Strenge geben, damit man zum Ziel kommt?

Vielleicht ist es eine Frage der Definition. Für mich hat Strenge etwas mit Erwartungen zu tun – meine Erwartungen, aber auch die Erwartungen, die jeder einzelne Musiker an sich und das Orchester stellt. Es geht darum, Verantwortung zu übernehmen. Und das ist nicht nur Recht und Pflicht des Dirigenten, sondern jedes einzelnen Musikers. Wenn man das klar kommuniziert und lebt, dann ist Strenge im Sinne einer Erwartungshaltung zwar vorhanden, aber man kann mit Freude gemeinsam arbeiten und das Erreichte genießen. Ich setze auf Motivation und Freude, um weiter zu kommen und mehr zu geben. Strenge im engen Sinne einer diktatorischen Herangehensweise, beziehungsweise Unhöflichkeit brauche ich nicht. Ich versuche eine Atmosphäre zu schaffen, in der wir gemeinsam an einem Ziel arbeiten wollen und können.

Von einem neuen Chefdirigenten erwartet man sich über das Repertoire hinaus auch eine gewisse generelle Neuorientierung – wo werden Sie für die Zukunft ansetzen?

Ja, natürlich muss man über Programme sprechen und eine Richtung definieren. Genauso wichtig ist für mich aber die Art, wie man musiziert. Egal, ob wir Strauss, Mahler, Dvorak, Haydn oder eine Uraufführung spielen, für mich ist die Intensität, die Genauigkeit, die Aussagen, die Gefühle und der Inhalt, den wir transportieren, wichtig. Das ist mein erstes, großes Ziel: Ich möchte, dass dieses Orchester mehr Expressivität entwickelt, noch mehr Farben und Kontraste zeigt, noch emotionaler spielt. Es ist ein sehr emotionales Orchester, und das gefällt mir sehr gut.

<span class="copyright">Julia Wesely</span>
Julia Wesely

Wie sehen Sie generell die Position der Wiener Symphoniker bei den Bregenzer Festspielen?

Das Orchester hat eine ganz wichtige und entscheidende Rolle. Nicht nur mit den Opern auf dem See und im Haus, auch mit den Orchesterkonzerten prägen wir die Bregenzer Festspiele stark. Es ist meine erste Saison, in der ich so eng mit Intendantin Elisabeth Sobotka und ihrem Team zusammenwirken darf, und das ist eine sehr schöne Zusammenarbeit. Und so freue ich mich schon sehr auf die Zukunft, in der wir noch Vieles entwickeln werden und uns gegenseitig inspirieren.

Gibt es schon Ideen, was Sie ändern möchten?

Wir wollen nichts ändern, wir wollen aufeinander hören, uns ergänzen und weiterentwickeln. Wir werden noch kreativer, innovativer und intensiver miteinander arbeiten. Diese erste gemeinsame Arbeit mit der wunderschönen Schöpfung und jetzt mit Wagners „Rheingold“ – das ist genau das, was ist suche: Gemeinsam neue Träume und Ziele finden!

Wie haben Sie aus Ihrer Position am Montag Haydns „Schöpfung“ erlebt, zusammen mit den heimischen Chören?

Ich habe das sehr genossen. Ich erinnere mich noch an die erste Probe, es ist schon eine Weile her. Damals musste der Chor noch mit Maske singen. Aber es war vom ersten Augenblick an eine große Freude, wir haben sehr gut gearbeitet, sehr detailliert. Und jetzt, mit dem Orchester und den Solisten, ist es eine wunderschöne Produktion geworden. Wir durften eine tolle „Schöpfung“ erleben. Auch gemeinsam mit dem Publikum – das möchte ich explizit betonen: Es war ein sehr aufmerksames und wohlwollendes Publikum. Ich hatte vom ersten Takt an das Gefühl, dass die Zuhörer mit Freude empfangen durften, was wir mit viel Energie und Liebe einstudiert haben. Eine wunderschöne Erfahrung! Ich hoffe, wir dürfen weiter träumen und ähnliche Projekte realisieren.

Jetzt gibt es beim zweiten Festkonzert ein Experiment mit Wagners Oper „Das Rheingold“?

Ja, tatsächlich, das ist eine Art „Experiment“, etwas Neues. Ich bin froh, dass wir diesen Wagner machen, das Orchester spielt hervorragend und wir haben eine tolle Sängerbesetzung. Es hat so viel Kraft und Vitalität, es ist wie eine Art symphonischer Gesang, ein starkes Erlebnis und eine Bereicherung des Repertoires. Wir sind gefordert und können die großen Qualitäten und auch die Flexibilität des Orchesters zeigen. Noch vor wenigen Tagen hatten wir mit Haydns „Schöpfung“ das Gegenteil in einem sehr klaren, transparenten, klassischen Klangbild. Jetzt präsentieren sich die Symphoniker im „Rheingold“ mit einem romantischen, vollen Klang. Fritz Jurmann