Bündig erzählt

Kultur / 03.09.2021 • 16:55 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Von Fremden und anderen AußenseiternSusanne Alge, PalmArtPress,140 Seiten

Von Fremden und anderen Außenseitern

Susanne Alge, PalmArtPress,

140 Seiten

Literarischer Einspruch der Vorarlberger Autorin in einer Zeit, in der Hartherzigkeit zur Regierungspolitik erhoben wurde.

Kurzgeschichten Die aus Lustenau stammende, seit vielen Jahren in Berlin lebende Germanistin und Autorin Susanne Alge hat mit „Von Fremden und anderen Außenseitern“ einen neuen Band mit Kurzgeschichten vorgelegt. Der Titel bedeutet zugleich die inhaltliche Klammer zu den zehn unterschiedlichen Texten, die bündig und unprätentiös erzählt werden. Den Fremden und Außenseitern stehen jeweils Einheimische gegenüber, die in ihrem Denken und Handeln in unterschiedliche Richtungen durchaus der Mehrheitsgesellschaft entsprechen. Menschen mit Angst und Gefühlskälte einerseits, und solche mit Anteilnahme für die Marginalisierten andererseits. Wie in der einleitenden Geschichte „Brüder“ geht es aber auch um Angepasstheit und gewagtes Engagement. Etliche der zehn Erzählungen umspannen einen historischen Bogen von der Zwischenkriegszeit über die Zeit des Nationalsozialismus bis heute. So etwa die Geschichte „Ein Jahrhundert“ , in der es – ohne ihren Namen zu nennen – um die Lebensgeschichte der ehemaligen amerikanischen Außenministerin Madeleine Albright geht, die es vom Flüchtlingskind zum Regierungsmitglied brachte.

Eine weitere thematische Konstante bildet die Hartnäckigkeit von Vorurteilen. Nur wenigen vom vorgestellten Personal gelingt es, diese durch neue Erfahrungen abzubauen. Nicht einmal Fakten – wie in der Geschichte „Kein Mord. Naja“ – zwingen bei besonderen Verfestigungen zum Umdenken. Stilistisch ist allen Texten gemeinsam, dass sie für die Kurzgeschichte gattungstypisch mit einer unvermittelten Feststellung eingeleitet werden. Susanne Alge gelingt das mit kernigen, das Interesse für das Folgende weckenden ersten Sätzen. Nachdem diese Marke gesetzt ist, beginnt ein ruhiger Erzählduktus, der Einsicht vermittelt ohne zu belehren.

Der Text „Klar, irgendwie Abschied, aber das Leben …“ ist ein innerer Monolog, der sich auch stilistisch von den übrigen Texten dadurch unterscheidet, dass der dargestellte Gedankenfluss in kurzen und zum Teil unvollständigen Sätzen abläuft. Der Vor-sich-hin-Denker beziehungsweise Icherzähler, ein mieselsüchtiger Kleingeist, muss sich dabei widerwillig, aber notwendigerweise mit dem Tod auseinandersetzen. Verständnis dafür, dass die vereinsamte Mutter in ihren letzten Lebensjahren eine Flüchtlingsfamilie aus der Nachbarschaft unterstützt hatte, kann er – wie überhaupt Empathie – nicht aufbringen. So wird die Geschichte zu einem verstörenden Einblick in ichbezogene Denkstrukturen und kalte Gefühlswelten. Durch alle Geschichten aber leuchten auch Hoffnungsschimmer von humanen und altruistischen Haltungen.

Alges Geschichten sind ein bemerkenswerter literarischer Einspruch in einer Zeit, in der Hartherzigkeit zur Regierungspolitik erhoben wurde. Jeder Geschichte ist eine Fotografie von Hartwig Riemann vorangestellt; Bilder, die jeweils eine zusätzliche Perspektive auf den folgenden Text eröffnen.

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