„Ich stelle mich immer auf das Schlimmste ein“

Kultur / 03.09.2021 • 18:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
„Ich stelle mich immer auf das Schlimmste ein“
Stefanie Sargnagel liest am Samstag um 10 Uhr beim Ölberg Bezau aus ihrem Buch und unterhält sich anschließend mit Zita Bereuter.

Stefanie Sargnagel liest am Samstag beim FAQ Festival aus ihrem Buch „Dicht“.

Schwarzach Stefanie Sargnagel ist Cartoonistin, schreibt Bücher, hat 2016 am Ingeborg-Bachmann-Preis teilgenommen und seit August ist „Sargnagel – der Film“ in österreichischen Kinos zu sehen. Die Wienerin erzählt den VN, wie es ist, sich selbst auf der Leinwand zu sehen, von ihrem ersten und letzten Erlebnis mit Drogen und warum sie vom Vorarlberger Publikum oft irritiert ist.    

Was bereitet Ihnen an Ihrem Beruf am meisten Spaß?  

Sargnagel Die Möglichkeit, verschiedene Dinge ausprobieren zu können, sehe ich als große Freiheit. Zeichnen ist intuitiv und entspannend. Bei Lesungen bringt man Leute live zum Lachen. Gerne veranstalte ich auch selbst Sachen und lade Künstlerinnen ein, die ich mag. 

Von wem holen Sie sich Feedback zu Ihren Cartoons ab?

Sargnagel Ich habe eine Chatgruppe mit einem Freundeskreis, der aus alten Schulfreundinnen besteht. Alles Menschen, die in meinem Roman „Dicht“ vorkommen. Da frag ich manchmal um Feedback, ob man den Witz versteht, wenn ich mir nicht sicher bin, oder wenn ich mich nicht zwischen zwei Textideen entscheiden kann. Allerdings lege ich schon immer am meisten Wert auf meine eigene Meinung.

Das Buch „Dicht“ wimmelt von „ersten Malen“ – welches erste Mal war besonders prägend? 

Sargnagel Ich glaube, das erste (und letzte) Mal LSD zu nehmen hat mich nachhaltig verstört. Ich bin wohl ein bisschen hängen geblieben, was aber nicht unbedingt schlecht für die Kreativität ist.

Ihre Lesereise zu dem Buch dauert den ganzen Sommer – bereitet Ihnen dieser volle Terminkalender Stress?  

Sargnagel Ich habe mir angewöhnt, nicht mehr alleine auf Lesetour zu gehen. Momentan begleitet mich meistens die Musikerin Fauna, mit der es wahnsinnig lustig ist. In Vorarlberg leider nicht, da kommt mein Liebhaber mit. Es ist sehr stressig, aber ein sehr dynamischer Stress, man bekommt viel positives Feedback, danach nimmt man sich wieder Ruhe und freut sich, spazieren gehen zu können, statt vier Stunden täglich im Zug zu sitzen. Der Stress, den ich viel schlimmer finde, ist der Auftragstextstress, wo man kettenrauchend tagelang vorm Computer sitzt und mit sich selbst verzweifelt.

Leidet Ihre Kunst darunter, wenn Sie beruflich viel unterwegs sind und nicht mehr diese klassischen Alltagssituation erleben? 

Sargnagel Um Texte zu schreiben, brauche ich auf jeden Fall einen ruhigen Alltag. Ob die Kunst leidet, ist schwer zu sagen, ich sehe die Auftritte mittlerweile ja als Teil der Kunst. Auf jeden Fall fehlt mir meine charmante Außenseiterperspektive ein bisschen, jetzt so mitten im Kulturbetrieb angekommen, als Teil der fetten Elite.

Wie fühlt es sich an, sich selbst in einen Kinofilm in der Hauptrolle zu sehen?

Sargnagel Es ist schon eine harte Exponierung, besonders nach der sehr privaten Zeit des Lockdowns. Die riesigen Plakate von mir in den U-Bahn-Stationen waren angsteinflößend. Da ich mich prinzipiell aber pessimistisch immer auf das Schlimmste einstelle, war es dann halb so wild. Es fühlt sich auf jeden Fall sehr fiktiv an und nicht wie die Abbildung meines Lebens.

Wie viel Mitspracherecht hatten Sie bei dem Drehbuch? Gibt es eine Szene oder Besetzung, die Sie sich explizit gewünscht haben? 

Sargnagel Ich wurde nach Feedback gefragt, hatte aber zu wenig Erfahrung mit dem Medium Film, um wirklich viel beizutragen. Es ist schon eindeutig das Werk von anderen. Ich habe Ali Jagsch für die Rolle des Hermanns vorgeschlagen, sein Ausdruck erinnerte mich immer schon ein bisschen an den Künstler Martin Witzmann, auf dem die Rolle basiert. Dann hatte ich Bedenken, dass das vielleicht wie eine Anmache rüberkommt, jemanden für die Rolle des eigenen Liebhabers vorzuschlagen. Diese Hermann-Szenen mag ich eigentlich am liebsten.

Unterscheidet sich das Vorarlberger Publikum vom Wiener Publikum? 

Sargnagel Die Vorarlberger erinnern mich eher an Schweizer als an Ostösterreicher. Ich bin immer ganz irritiert, dass alle so freundlich sind und nie sicher, ob ich gerade verarscht werde oder die das ernst meinen.

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