“Das Leben ist lebenswert”, aber Lehár allein genügt nicht immer

Kultur / 03.01.2022 • 21:10 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Die Marthaler-Viebrock-Ästhetik behält ihre Sogwirkung.
Die Marthaler-Viebrock-Ästhetik behält ihre Sogwirkung.

Mit „Giuditta“ erfüllt Christoph Marthaler hohe Erwartungen.

München, Bregenz Das Publikum des Vorarlberger Landestheaters bekommt mit „King Size“ demnächst erneut in komprimierter Form das geliefert, was die Ästhetik von Christoph Marthaler ausmacht, und darf bei der Besuchsentscheidung davon ausgehen, dass sich die Premierengäste daran erfreuten. An der Staatsoper in München verhält es sich nicht ganz so, da lichteten sich bei „Giuditta“ am Silvesterabend die ohnehin laut Coronaauflagen nur zu einem Viertel besetzten Reihen in der Pause jedenfalls merkbar, während am Ende ein großer Teil der Besucher wohl nicht nur die Sänger lange bejubelte, sondern auch ein Inszenierungskonzept, das die Operette von Franz Lehár klug akzentuiert in den Kontext der Entstehungszeit rückt.

Mit der Uraufführung im Jänner 1934 an der Wiener Staatsoper sollte dem Komponisten bekundet werden, dass er nicht nur das Operettengenre zu bedienen weiß. Das Libretto von Paul Knepler und Fritz Löhner-Beda enthält mit dem Protagonisten Octavio, der desertieren will, ebenso Brisanz wie mit einem Schauplatz im von Italien besetzten Libyen. Dass Nationalsozialisten an Lehárs Melodien, etwa auch an seiner „Lustigen Witwe“, Gefallen fanden, ist dem Komponisten nicht anzukreiden, für NS-Propagandakonzerte zur Verfügung zu stehen, war ihm allerdings nicht zuwider.

Finesse

Diese Tatsachen vor Augen, zu denen auch jene zählt, dass Fritz Löhner-Beda als Jude ins KZ deportiert und von den Nazis totgeprügelt wurde, wirkt Octavios Auftrittslied „Freunde, das Leben ist lebenswert“ so zynisch, wie es beispielsweise Fassbinder in seiner Verfilmung von „Berlin Alexanderplatz“ sah. Christoph Marthaler schwimmt nicht einfach nur auf dieser Welle, gemeinsam mit Malte Ubenauf erstellte er eine Fassung, in der Werke von Zeitgenossen einfließen, die unter anderem die Stimmung in der Zwischenkriegszeit einfangen, so wie „Sladek oder Die schwarze Armee“ von Horváth. Dass sich Hanns Eislers „Heimat“, Kafka-Vertonungen von Krenek, „Gewitterregen“ von Alban Berg oder Bartóks „Wunderbarer Mandarin“ sowie Lieder von Schönberg und das Duett „Glück, das mir verblieb“ von Korngold neben Lehár ausgehen, ist erstens Marthalers musikalischen Kenntnissen zu verdanken und zweitens dem Bayerischen Staatsorchester unter Titus Engel, das den üblichen Operettensog nicht vermissen lässt und ihn mit erstaunlicher Kompaktheit und Übergängen mit Finesse kompensiert. Es legt sich somit nicht ein Schatten über das „Giuditta“-Geschehen, das im Original trotz des Verzichts auf ein Happy End für das zentrale Liebespaar eher heiter bleibt, die Verfasstheit der Personen, die Entscheidungen mit mehr oder weniger schmerzhaften Folgen zu treffen hätten, kristallisiert sich bestens heraus. 

Das Setting, das Anna Viebrock einem einfachen Vergnügungslokal nachempfunden hat, das es etwa in den 1920er-Jahren gegeben haben muss und das um 1970 dann aufgemöbelt wurde, erinnert an ihre legendären Opern- und Theaterausstattungen von Wagner und Janácek bis Shakespeare und Horváth. Das Déjà-vu erzeugt allerdings kein Gähnen, denn abgesehen von der Choreografie, die das Absurde im hohen Maß zulässt, ist ein Marthaler-Viebrock-Ensemble erst mit Stimmen komplett, die an Umfang und Geschmeidigkeit nichts zu wünschen übrig lassen wie jene von Daniel Behle, Vida Mikneviciute, Kerstin Avemo und Sebastian Kohlhepp. Und eine kühle Ästhetik ist allemal unterhaltsamer als ein verlogenes Operettenfeuer.

„Giuditta“ von Franz Lehár in der Inszenierung von Christoph Marthaler an der Münchner Staatsoper. oper/hösl
„Giuditta“ von Franz Lehár in der Inszenierung von Christoph Marthaler an der Münchner Staatsoper. oper/hösl

Weitere Aufführungen von “Giuditta” ab 6. Jänner an der Bayerischen Staatsoper in München (staatsoper.de); “King Size” in Bregenz wieder am 23. Jänner.

Du hast einen Tipp für die VN Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@vn.at.