Über verrückte Spieler und wütende Bauern

Kultur / 07.01.2022 • 17:41 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Anatomie eines SpielersJonathan LethemTropen393 Seiten

Anatomie eines Spielers

Jonathan Lethem

Tropen

393 Seiten

Jonathan Lethem, der Autor mit Stil, legt mit „Anatomie eines Spielers“ seinen neuen Roman vor.

Romane Seine Brooklyn Romane „Motherless Brooklyn“ und „Die Festung der Einsamkeit“ machten den Autor zum Fixstern am Himmel der verwegeneren Literatur, die jedoch durch ihre Hollywood-Verfilmungen mehrheitsfähig wurde. Mit der „Anatomie eines Spielers“ legt er, unschwer zu erraten, einen Roman über einen Spieler hin. Alexander Bruno ist Berufsspieler. Er verdient sein Geld, indem er ambitionierte Amateure ausnimmt. Sein Leben funktioniert wie die ersten Minuten eines James Bond Film der 1980er-Jahre. Das Leben ist glamourös, Sorgen hat man morgen, wenn überhaupt. Dahinter steckt ein System, Edgar Falk finanziert die Spiele vor, treibt danach bei den Schuldnern das Geld ein und behält sich seinen Anteil. Bruno kann weltweit gebucht werden und ist elegant im Spielerparadies Singapur stationiert. Sein Spiel ist übrigens das Brettspiel Backgammon. Das geht so lange gut, bis Bruno, als schwarzen Fleck in seiner Iris einen Gehirntumor wahrnimmt und parallel dazu seine Glückssträhne verliert. Zugleich ist das der Zeitpunkt, an dem Autor Jonathan Lethem zur Höchstform findet.

Die Rückkehr des Frankenstein

In atemberaubender Geschwindigkeit schickt er seinen Protagonisten nach Berlin, von dort weiter nach Berkeley, um sich von einem umstrittenen Chirurgen operieren zu lassen: Um an den Tumor zu kommen, bohrt er kein Loch in den Schädel, sondern schneidet ihn auf. Danach soll ein Heilungsprozess vonstatten gehen und den Eingriff unsichtbar machen – wenn alles gutgeht. Willkommen im Spiel um das Leben oder bei Frankenstein.

Als Galionsfigur sieht man den erkrankten Spieler sich durchs Leben kämpfen. Fein säuberlich verknüpft er seine Angelpunkte und lässt das Spiel fast wie von selbst vonstatten gehen. Einzig schade, dass der Funken nicht immer überspringt. Elendslange Spielpassagen sind nichts für die Literatur. Und, nicht zuletzt fehlt es Bruno Alexander an einem höheren Ziel. Muss man nicht haben, klar, aber wenn die Struktur des Romans ein Ziel verlangt, sollte eines kommen. Fazit: Eine interessante, ausbaufähige Trockenschwimmübung, mal schauen, was passiert, wenn die Drehbuchautoren sich über das Werk hermachen und die Schleusen öffnen.

Die Identität am Berg

„Bauer und Bobo“, das klingt so ähnlich wie „Bauer sucht Frau“, ist aber nichts dergleichen. Zur Begriffserklärung: Ein Bobo ist eine urbane Person, die für das Gute steht und den Genüssen dieser Welt, solange biozertifiziert, nicht abgeneigt ist. Zum Buch: Als Bauer fungiert der Wutbauer Christian Bachler und als Bobo Falter-Chefredakteur Florian Klenk, der die Reportage auch verfasste. Nach einem Vorgeplänkel lernte Klenk Bachlers Hof kennen. Später war der Bauer am finanziellen Abgrund, Klenk setzte seine Kontakte ein, ein Wirtschaftsplan wurde erstellt und in einem sagenhaften Crowdfunding wurde in kurzer Zeit rund eine halbe Million Euro aufgestellt. So viel zum wahrgewordenen Märchen, das dieser Reportage zu Grunde liegt. Liest man zwischen den Zeilen, werden alte Mitterer-Dramen äußerst aktuell, Axel-Corti-Verfilmungen nach wie vor gültig und die Franz-Innerhofer-Romane noch immer lesenswert. Da sieht man wieder die Herren in feinem Zwirn am Hof stehen, um über Schicksale zu bestimmen. Einmal wird Weidefläche, dann bloß das Vieh gefördert und zum Zurückzahlen ist allemal etwas. Fazit: Nicht jeden Tag Fleisch essen und dann bewusst etwas mehr zahlen.

Bauer und BoboFlorian KlenkZsolnay155 Seiten

Bauer und Bobo

Florian Klenk

Zsolnay

155 Seiten

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