Junge Autorin schreibt über ein Leben am Rand der Hölle

Kultur / 12.01.2022 • 21:21 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Nicola Trub und Johanna Tomek im Stück „Limbus“ von Florentina Hofbauer.VN/paulitsch, manfred Baumann
Nicola Trub und Johanna Tomek im Stück „Limbus“ von Florentina Hofbauer.VN/paulitsch, manfred Baumann

Florentina Hofbauer erklärt, was es mit ihrem Stück, in dem Stalins Tochter auftritt, auf sich hat.

Bregenz Die Zeit der Dekonstruktion sei vorbei, erklärt Hubert Dragaschnig. Der Schauspieler, Theaterleiter und in diesem Fall auch Regisseur des Stücks „Limbus“ konnte in letzter Zeit mehrfach beobachten, dass junge Autorinnen und Autoren wieder am Konstruieren interessiert sind, sich in eine Kontinuität hineinerzählen und sich mit Biografien beschäftigen. Mit Johanna Tomek, einer bekannten Persönlichkeit in der österreichischen Theaterszene, sowie der deutschen Künstlerin Nicola Trub habe er wunderbare Schauspielerinnen, mit denen er sich der Herausforderung stellt, den speziellen Biografien gerecht zu werden.

Ein Siegerstück

Solche wählte nämlich die Wiener Schriftstellerin Florentina Hofbauer (geb. 1992) als sie ihr Stück „Limbus“ vor zweieinhalb Jahren zum Dramenwettbewerb des Theaters Kosmos einreichte und für den Text über ein Aufeinandertreffen von Swetlana Allilujewa (1926-2011), der Tochter von Josef Stalin, und Nelly Mann (1898-1944), der Frau des Schriftstellers Heinrich Mann, mit dem ersten Preis ausgezeichnet wurde. „Wer Gewalt sät“ lautete damals das Motto, die Jury war sich rasch einig, die späte Umsetzung des Siegerstückes ist mit den pandemiebedingten Veranstaltungsverboten zu begründen. Mittlerweile lebt Florentina Hofbauer, die bislang einige Kurzgeschichten in Anthologien veröffentlichen konnte und einige Drehbücher verfasst hat, in den USA.

Nach Spuren gesucht

Auf Nelly Mann sei sie schon vor über zehn Jahren gestoßen, als sie den Roman „Buddenbrooks“ gelesen hat und sich daraufhin mit der Familie von Thomas Mann auseinandersetzte. „Ich bin in das norddeutsche Dorf gereist, in dem Nelly aufgewachsen ist, habe ihre Biografie gelesen, war in Lübeck und habe auch in Kalifornien nach ihren Spuren gesucht. Ich bin von ihr fasziniert, davon, wie stark sie war und welch ein Gegensatz zu den bürgerlichen Manns bestand, die sie weder akzeptierten noch respektierten.“ Nelly Mann floh mit ihrem Ehemann vor den Nationalsozialisten nach Frankreich und später in die USA, wo sie mit großem Einsatz und Hilfsarbeiten versuchte, zum Lebensunterhalt beizutragen. Die mangelnde Anerkennung, die die psychische Verfassung noch weiter verschlechterte, führte zum Selbstmord.

Als sie viel über Stalins Tochter las, kam ihr die Idee zu „Limbus“, erzählt Florentina Hofbauer weiter: „Denn auch Swetlana war eine Außenseiterin, eine die mit sich rang, die wusste, dass sie nirgends wirklich dazu gehört. Swetlana und Nelly standen am Rand, waren geflüchtet und entwurzelt. Beide haben den Kommunismus von anderen Seiten kennen gelernt; die eine ist vor ihm geflohen, die andere musste wegen ihm fliehen und doch war das der Grund für eine Reihe an Überschneidungen in ihren Biografien. Obwohl auch Nellys Leben durch Flucht, psychische Krankheiten, Süchte, einer lieblosen Umgebung und Geldnot bestimmt war, teilte sie ihr Schicksal mit einigen Frauen ihrer Generation. Swetlanas Lebensweg hingegen ist beispiellos: Als sie sechs Jahre alt war, beging ihre Mutter Selbstmord. Man log sie an und erzählte ihr, die Mutter sei an einer Krankheit gestorben. Vom Suizid erfuhr Swetlana erst Jahre später aus der US-amerikanischen Presse. Swetlanas ältester Halbbruder Jakow wurde von der Wehrmacht gefangen genommen. Die Deutschen wollten mit Stalin einen Gefangenenaustausch aushandeln, Stalin lehnte ab. So kam Swetlanas Bruder in einem deutschen Konzentrationslager ums Leben. Das sollte nicht das letzte traumatische Erlebnis ihrer Jugend bleiben. Denn Stalin war gegen Swetlanas erste große Liebe, einen um vieles älteren Filmemacher. Statt ihn heiraten zu dürfen, wurde dieser ins Exil geschickt.“

Am Rand der Hölle

Swetlana Allilujewa floh in den 1960er-Jahren über Italien und die Schweiz in die USA, wo sie autobiografische Bücher verfasste. Ihre Kinder musste sie zurücklassen, was Hofbauer in „Limbus“ auch entsprechend als Entscheidung thematisiert, die der alt gewordenen Frau über die Jahre sehr zusetzte. Sie habe damit zu kämpfen gehabt, dass sie es nicht gänzlich schaffte, sich von ihrer Herkunft abzugrenzen, meint die Autorin. Der Vater sei oft die einzige Bezugsperson gewesen, der alle Briefe mit „Kuss, Papi“ beendete, seinen Stolz über gute Schulnoten zeigte und das Mädchen mit in den Urlaub, ins Theater oder ins Kino nahm. „Der Vater verdammte sie zu einem Leben am Rand der Hölle.“ Damit erläutert Florentina Hofbauer auch den Titel ihres Stücks „Limbus“.

Junge Autorin schreibt über ein Leben am Rand der Hölle

Uraufführung des Stücks “Limbus” von Florentina Hofbauer am 13. Jänner, 20 Uhr, im Theater Kosmos in Bregenz. Aufführungen bis 5. Februar: theaterkosmos.at

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