Gefältelt, aber nicht einfältig

Kultur / 13.01.2022 • 18:41 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Vernissagerednerin Mirjam Steinbock (IG Kultur Vorarlberg) mit der Künstlerin Selina Reiterer vor der Galerie Vor-Ort in Altach. Adlassnig
Vernissagerednerin Mirjam Steinbock (IG Kultur Vorarlberg) mit der Künstlerin Selina Reiterer vor der Galerie Vor-Ort in Altach. Adlassnig

Textilkünstlerin Selina Reiterer bespielt Ausstellungscontainer der Galerie Vor-Ort.

Altach Während Covid Programm und Taktung in vielen Ausstellungshäusern und Galerien bestimmt hat oder noch bestimmt, zeigte und zeigt sich der Ausstellungscontainer der Altacher Galerie Vor-Ort in den vergangenen Monaten unbeeindruckt vom viralen Geschehen rundum, ja geradezu immun und gefeit gegen Programmänderungen und Verschiebungen. Kontaktlos Kunst erleben geht auch in diesem Jahr und am Beginn steht eine Ausstellung der zuletzt sehr erfolgreich agierenden und mehrfach ausgezeichneten Vorarlberger Textilkünstlerin Selina Reiterer.

Gegensätzliches

Ihre aktuelle, in situ entstandene dreiteilige Arbeit zeigt von rechts nach links ein Stoffmuster sowie zwei, aus diesem Gewebe gefaltete, an aufspringende Fächer erinnernde, plastische Stoffbilder. Die zugrundeliegende Idee, des sich im Vorbeigehen verändernden Faltenwurfs, speist sich sowohl aus einem früheren Projekt für ihre Diplomarbeit von 2013 (damals noch als Kleidungsstück), als sie sich auch programmatisch auf zwei schon etwas ältere Musiktitel bezieht. Mit „2 Become 1“, einem Hit der Spice Girls aus den 1990ern, und dem Song „Love Will Tear Us Apart“ von Joy Division von 1980 deckt Selina Reiterer ihre Strategie des Gegensätzlichen, die sie auch in der schwarz-weißen Farbgebung verfolgt, schon auf.

Visuelles Erlebnis

Gleichzeitig fordert sie mit dem Vorbeigehen eine Aktion des Betrachters heraus. Werden die beiden Arbeiten im linken Fenster des Containers en passant zu einem einzigen Bild? Oder sind sie für immer getrennt? In der Einbindung des Betrachters bleibt die Künstlerin ihrem Stoff treu, zeigt aber auch eine andere Facette ihres innovativen Schaffens, das als artistic research zumeist auf der Verbindung von Textilem und neuesten, digitalen Technologien fußt. In Altach gibt es mit den nur von außen durch die Containerfenster einzusehenden Werken für einmal keine berührungssensitiven Sensoren zu betätigen, keine Stoffe, die kommunizieren wollen oder keine direkte Interaktion mit Klang produzierenden Textilien als Touchscreen, als vielmehr ein in erster Linie „nur“ visuelles Erlebnis. Dennoch hat die Präsentation für Selina Reiterer unverhohlen haptischen Charakter und fordere gerade in dieser trägen, winterlichen Jahreszeit zu Aktionen auf, mit denen die Dinge wieder in Fluss kommen, erklärt die Künstlerin. Dass sich die Komprimierung von Material und Information auch ohne Smart Technologies realisieren lässt, beweist Reiterer mit der Rückkehr zum analogen Handwerk, wenn sie das schwarz-weiße, im Siebdruckverfahren bedruckte Viskosegemisch von Hand in Falten legt und fixiert.

Stoffgewordene Geometrie

Die Falte und der Bezug zum gleichnamigen Buch von Gilles Deleuze haben die Künstlerin schon in ihrer Diplomarbeit beschäftigt. In ihren jüngsten, räumlichen Exponaten zielt sie indes nicht auf barocken Überschwang und locker hingeworfene Drapierungen ab, die zum Faltenwurf führen. Sie hält sich vielmehr an akkurat Plissiertes, Gefaltetes, an stoffgewordene Geometrie, in der strenge Kanten markante V-Täler im Stoff entstehen lassen. Und doch bekommen die Werke durch das angedeutete, fächerartige Arrangieren und ihre nicht versäuberten Stoffkanten mit den herunterhängenden Fäden auch etwas Spielerisches und Leichtes, das dem Werk von Selina Reiterer stets innewohnt und bei aller Wissenschaftlichkeit der Methoden eine seiner wesentlichen Qualitäten ausmacht. Die Tage werden zwar schon langsam länger, aber besonders schön schimmern die gefältelten Stoffe am Abend, wenn sie das Licht in der Dunkelheit reflektieren und – jeder für sich oder zusammen – ihr Eigenleben entfalten.

Die neue Arbeit von Selina Reiterer zeigt ein Stoffmuster und plastische Stoffbilder.

Die neue Arbeit von Selina Reiterer zeigt ein Stoffmuster und plastische Stoffbilder.

Gefältelt, aber nicht einfältig

Zur Person

Selina Reiterer

Geboren 1985 in Bregenz

Ausbildung Weißensee Kunsthochschule Berlin, ENSCI Paris

Laufbahn zahlreiche internationale Ausstellungen, Projektstipendien, Forschungsprojekt an der ETH Zürich, Artist in Residence in Island, Teilnahme am TaDA-Residenzprogramm 2020

Auszeichnungen Österreichisches Startstipendium, Nominierungen für den Hypo Kunstpreis und den LAVA-Award, IBK Förderpreis 2021

Wohnort Bregenz

Das Projekt „2 Become 1“ von Selina Reiterer ist in der Galerie Vor-Ort, Mühlbachstraße 5, in Altach, bis 7. April täglich und kontaktlos zu sehen.

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