In Vorarlberg tätiger Bariton am Rande des Mainstreams

Kultur / 15.01.2022 • 11:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Clemens Morgenthaler: „Ich habe mich in Vorarlberg sofort wohlgefühlt, was vor allem an den vielen wunderbaren Menschen liegt.“ <span class="copyright">Marin</span>
Clemens Morgenthaler: „Ich habe mich in Vorarlberg sofort wohlgefühlt, was vor allem an den vielen wunderbaren Menschen liegt.“ Marin

Es ist sein grenzüberschreitendes künstlerisches Umfeld, das Clemens Morgenthaler so interessant macht.

Feldkirch Seit elf Jahren ist Clemens Morgenthaler als Dozent einer Gesangsklasse am Landeskonservatorium erfolgreich. Er verfasste zudem musikwissenschaftliche Arbeiten wie eine Biografie über den Komponisten Flor Peeters, dessen Werke er auf Tonträger dokumentieren will, legt ein Album mit seltenen Liedern von Othmar Schoeck vor und hilft aktuell einem Projekt mit moderner Kirchenmusik auf die Sprünge.
 
Bei Ihren Veröffentlichungen fällt auf, dass es sich um Spezialthemen handelt. Warum lieben Sie Nischenprodukte am Rande des Mainstreams?
Ich bin als Sänger und Gesangspädagoge den großen Werken der Gesangsliteratur verpflichtet. Es gibt aber auch gute Musik von kaum bekannten Komponisten zu entdecken. Die Bekanntheit von Kunstwerken muss nicht immer zwingend mit deren tatsächlicher Qualität übereinstimmen. Wenn mich Werke berühren, begebe ich mich gerne an die Ränder der „klassischen“ Musikwelt.
 
Sie haben Ihr letztes Album dem Schweizer Bariton Kurt Widmer zu seinem 80. Geburtstag gewidmet. Was hat er Ihnen für Ihre spätere Karriere mitgegeben?
Meine Lehrer Kurt Widmer und Beata Heuer-Christen vermittelten eine ganzheitliche Gesangspädagogik. Diesem Ansatz der systematischen sängerisch-künstlerischen Arbeit fühle ich mich verpflichtet. Kurt Widmer verdanke ich in wesentlichen Teilen meine sängerisch-musikalische Formung. Seine Art, die Berufung des Sängers und Gesangspädagogen zu leben, wurde mir zum Vorbild.
 
Das dürfte seither wohl auch die Basis für Ihre Arbeit als Lehrer bilden. Aus Ihrer Klasse kommen bekannte Persönlichkeiten, die zum Teil selbst unterrichten. Macht Sie das stolz?
Meine Studierenden sollen zu Sängerpersönlichkeiten heranreifen, um dann gegebenenfalls auch als Pädagogen wirken zu können. Künstlerische Ambition und pädagogischer Eros sollen eine fruchtbare Liaison eingehen. Ich bin froh, dass meine Schüler erfolgreich ihren Weg gehen und Gesang ihr Leben sinnstiftend mitprägt.


Mit einer CD mit frühen Liedern von Othmar Schoeck (1886–1957) wollten Sie diesem Ihrer Meinung nach verkannten Schweizer Komponisten etwas unter die Arme greifen. Liegt diese Reserviertheit seinem Werk gegenüber nicht auch daran, dass er in einer eher altbackenen Romantik hängengeblieben ist?
Begriffe wie „zeitgemäß“ oder „altbacken“ beschreiben keine künstlerischen Qualitätskriterien, was ein Blick in die Musikgeschichte belegt. Das alles überbietende Spätwerk J. S. Bachs beispielsweise wirkte auf seine Zeitgenossen „altbacken“. Telemann galt dagegen als „zeitgemäßer“ und moderner. Neben subjektiven, rational oft nur schwer zu begründenden Repertoirevorlieben erscheint mir künstlerische Wahrhaftigkeit als entscheidendes Kriterium angemessen zu sein. Große Kunstwerke entstehen zwar in einer konkreten Zeitepoche, weisen dann aber über diese hinaus, unabhängig vom zustimmenden oder ablehnenden Mehrheitsvotum. Schoecks Musik, niemals den billigen Effekt suchend und weitgehend unbekannt, ist unzweifelhaft von herausragender Qualität.


 
Was hat Sie an der Person und am Werk des belgischen Komponisten Flor Peeters so sehr fasziniert, dass Sie ihm als Erster eine aufwendig erstellte Biografie widmen?
Ich habe mich in seine Musik verliebt. Peeters verbindet in seinen Werken impressionistische Klangsinnlichkeit, archaische Harmonik und polyphone Satztechniken mit neobarocken Stilelementen. Er kreiert eine reizvolle Synthese aus französisch-symphonischem und deutsch-neoklassizistischem Stil, abgeschmeckt mit flämischer Volkslied-Folklore. Ich besitze fast alle Werke von und über Flor Peeters und identifiziere mich mit ihm auch als Person, zumal mir sein musikalischer Nachlass übergeben wurde, inkl. Totenmaske, was eine große Verantwortung und einen Auftrag darstellt.
 
Wollen Sie wirklich das Gesamtwerk dieses Komponisten auf Tonträgern dokumentieren? Wie gewinnt man dafür Verleger, Geldgeber und Mitwirkende, wie weit ist dieses Vorhaben bis jetzt gediehen?
Wir beschränken uns auf die wichtigsten Werke, zehn CD. Das Gesamtwerk aufzunehmen wäre unrealistisch und künstlerisch nicht sinnvoll. Bisher finanziere ich das Projekt aus eigener Tasche, da sich noch keine Stiftungen oder Interessenten zur Unterstützung finden ließen. Mitwirkende sind Kollegen vom Konservatorium sowie aktuelle und ehemalige Studierende. Bisher ist eine CD mit Klaviermusik erschienen.
 
Mit Ihrer jüngsten CD-Veröffentlichung haben Sie zusammen mit Ihrer Gesangsklasse einem alten Freund bei der Verbreitung seines modernen Kirchengesangsrepertoires geholfen.
Es war mir ein Herzensanliegen, die Kompositionen meines Freundes Traugott Fünfgeld aufzunehmen. Seine Werke berühren unmittelbar und eignen sich für die Gottesdienstgestaltung und das geistliche Konzert.
 
Inwieweit fühlen Sie sich mit allem, was Sie in Ihrem reichen künstlerischen Umfeld tun, als Deutscher in Feldkirch angenommen und gut aufgehoben?
Ich habe mich in Feldkirch und Vorarlberg sofort wohlgefühlt, was vor allem an den vielen wunderbaren Menschen liegt, denen ich bisher begegnen durfte. Mir wurde gleich vermittelt, dass ich dazugehöre, und so identifiziere ich mich sehr mit meiner zweiten Heimat Vorarlberg. Nebenbei gesagt, fühle ich mich gar nicht so als Deutscher. Fritz Jurmann

„Frühe Lieder“, Schoeck, CD Label Querstand 38; Traugott Fünfgeld: „Chortöne“, Gesangsklasse Clemens Morgenthaler, CD Strube-Verlag.

CLEMENS MORGENTHALER

Geboren 1973 in Wertheim/Main, lebt in Freiburg/Breisgau

AUSBILDUNG Studium Kirchenmusik und Gesang in Freiburg, Konzertklasse mit Auszeichnung in Basel, Meisterkurse

TÄTIGKEIT Opernengagements, Uraufführungen, CD-, Fernseh- und Rundfunkaufnahmen, zahlreiche Konzerte im In- und Ausland; Musikhochschule Trossingen; seit 2010 Professor für Gesang in Feldkirch

WETTBEWERBE Stipendiat Richard-Wagner-Stiftung, Preisträger Liedkunstwettbewerb Husum, 1. Preis Podium Junger Gesangssolisten, 2. Preis und Sonderpreis Gesangswettbewerb Musica sacra Rom

FAMILIE Ehefrau Elisabeth, Sohn Felix

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