Am Ende droht die Kettensäge

Kultur / 16.01.2022 • 21:33 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Gläubige und Besucher im Feldkircher Dom werden sich nach diesem Theaterstück noch intensiver mit dem Annenaltar auseinandersetzen. VLT/Sarah Mistura
Gläubige und Besucher im Feldkircher Dom werden sich nach diesem Theaterstück noch intensiver mit dem Annenaltar auseinandersetzen. VLT/Sarah Mistura

Mit “Was sagt Anna?” ist dem Landestheater und weiteren Institutionen ein Coup gelungen.

Feldkirch Die Leute mögen es. Überrascht und erfreut reihte man sich am Samstagabend in die doch recht lange Warteschlange am Eingang zum Dom in Feldkirch, um eine Corona-Kontrollstelle zu passieren, wie sie alle Veranstalter seit Monaten einrichten, um den Menschen Kultur und Bildung zugänglich machen zu können. Schön, dass die Diözese neben Konzerten auch Theateraufführungen wie die Produktion „Was sagt Anna?“ hier zulässt. Der Ort wurde ja auch nicht spekulativ gewählt, das Vorarlberger Landestheater, das Feldkircher Theater am Saumarkt und die Vereinigung Literatur.Vorarlberg hatten von Autorinnen und Autoren Stücke eingefordert. Anlass war die Ausstellung zum Annenaltar im Dom, der vor rund 500 Jahren von Wolf Huber (ca. 1485-1553) geschaffen wurde. Die Auseinandersetzung mit der Malerei des frühen 16. Jahrhunderts bzw. jener der Donauschule, deren Meister der aus Feldkirch stammende Wolf Huber war, sollte mit inhaltlichen, nicht so sehr die christliche Ikonographie oder die Glaubenslehre betreffenden Fragestellungen ergänzt werden. Dass das Mutterbild einer rein patriarchalisch strukturierten Gesellschaft mit der Abwertung des Körperlichen und der Aufwertung des eigentlichen Mutterseins als einzige Perspektive im Frauenleben auch in die aufgeklärte Zeit wirkt, in der Frauen Rechte haben, zeigt sich auch außerhalb des Wirkungsbereichs der katholischen Kirche.

Eine Andacht brauchte sich niemand zu erwarten, Respekt schon und von diesem zeugen auch die Texte von Barbara Herold, Katharina Klein, Kadisha Belfiore und Tobias Fend.

Hervorragendes Konzept

Dramen mit jeweils höchst unterschiedlichem Zugang zum Thema zu einer Theaterproduktion zu verbinden, erweist sich überhaupt als hervorragendes Konzept. Die Reflexions- und Assoziationspalette ist groß, die Perspektiven variieren, der sprachliche Ausdruck erhält eine enorme Farbigkeit und die Figur, die vor allem im Volksglauben Verankerung fand, der in den Apokryphen und eben in der sakralen Kunst zu begegnen ist, wird somit interessant. Lisa-Maria Cerha hat mit Bedacht auf den Kirchenraum inszeniert und ausgestattet. Oliver Rath und Johannes Hämmerle haben – abgesehen von der von Katharina Klein gewählten “Bohemian Rhapsody” – eine eingehende Musik geschaffen und Besuchern, die das Stück bei weiteren, noch in Planung befindlichen Terminen sehen, sei geraten, einen Platz im halligen Kirchenraum zu wählen, an dem die Texte gut zu verstehen sind.

Hohe Textqualität

Diese haben hohe Qualität wie das Spiel von Maria Lisa Huber, David Kopp und Elke Maria Riedmann. Die filigrane Darstellung der Figuren und Landschaften von Wolf Huber mit den Bläschen in Verbindung zu bringen, die beim Erzeugen von Holundersaft entstehen – auf diese Idee muss man erst einmal kommen. Mit festgehaltenen Kommentaren von Kindern zu den einzelnen Altarmotiven aus dem Leben Annas und Marias webt Kadisha Belfiore ein sehr feines und sehr berührendes Textbild. Katharina Klein gelingt eine klischeefreie Auseinandersetzung mit der Entscheidungsfreiheit einst und heute sowie mit den körperlichen Voraussetzungen von Schwangerschaft und Geburt im Hinblick von Reinheit und Unreinheit in den Religionen.

Der pragmatische Zugang von Barbara Herold, in deren Geschichte ein Mann und eine Frau den Altar kunsthistorisch erkunden und schließlich vom Inhalt erfasst werden, ist höchst informativ und zugleich witzig. Wobei nicht gemeint ist, dass die jungen, wissenschaftlich interessierten Leute dann offenbar doch mit etwas Einfachem überfordert waren, nämlich mit der Verhütung.

Die Kettensäge von Tobias Fend ans Ende zu stellen, passt, das vielschichtige turbulente Anrücken mit großem Gerät, vermittelt uns schließlich, dass der Altar, dessen Seitenflügel einmal verloren waren, auch so, wie er nun im Dom steht, nicht die ursprüngliche Gestalt hat. Ein Sippenbild, das Annas bewegtes Leben dokumentiert, taugt eben nicht jedem.

Am Ende droht die Kettensäge

Nach einer Aufführung sind weitere in Planung. Die Wolf-Huber-Ausstellung im Palais Liechtenstein läuft bis November.