Verfasst unter grausamen Verhältnissen

Kultur / 17.01.2022 • 19:54 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Ausschnitt aus dem Fresko von Hans Noppis von 1616, in der Apokalypse die Qualen der Hölle darstellend.
Ausschnitt aus dem Fresko von Hans Noppis von 1616, in der Apokalypse die Qualen der Hölle darstellend.

Altacher Soireen brachten in der Alten Kirche Götzis Messiaens „Quatuor“ zu beklemmender Wirkung.

GÖTZIS Es ist noch keine drei Jahre her, dass dieses Werk im Rahmen der Altacher Soireen in der dortigen Kirche aufgeführt wurde, in derselben Besetzung wie diesmal. Und doch war diese Wiederbegegnung nun alles andere als ein bloßes Déjà-vu, denn es kann für echte Musikfreunde eigentlich gar nie genug Gelegenheit geben, sich mit diesem selten gespielten Werk auseinanderzusetzen. Vor allem aber auch, weil diesmal der Aufführungsort in der Alten Kirche Götzis mit ihrem restaurierten Chorbogen dem Zuhörer eine ideale optische Umsetzung für das unter so besonderen Umständen entstandene „Quatuor pour la fin du temps“ („Quartett vom Ende der Zeit“) von Olivier Messiaen bot.

Neben seiner genialen Einzigartigkeit ist es auch die beklemmende Entstehungsgeschichte, die dem Werk seinen besonderen Rang in der Musikgeschichte gesichert hat. Messiaen schrieb sein Quartett 1941 unter primitivsten Verhältnissen in einer Baracke des Kriegsgefangenenlagers Görlitz, die Uraufführung vor 400 Lagerinsassen erfolgte auf den Tag genau vor 81 Jahren. Grundlage bilden die Schreckensvisionen der apokalyptischen Offenbarung des Johannes, „Es wird keine Zeit mehr sein“, die der tiefgläubige Komponist in eindrucksvolle Töne gefasst und vier Instrumenten anvertraut hat, die dort gerade aufzutreiben waren und eine höchst ungewöhnliche Besetzung ergaben. Als Schlüsselwerk der Musik des 20. Jahrhunderts besitzt dieses einzigartige Werk emotional alles, was man sich vorstellen kann an Brutalität, Gewalt und Verzweiflung bis zu überirdisch abgeklärten Klängen und einer unendlich schwebenden Ruhe.

Hoch qualifizierte Musiker

Vier hoch qualifizierte Musiker aus unserer Region setzen diese Vorgaben auf exzellentem Niveau um, in größter Intensität und Konzentration, scheuen sich dabei auch nicht, wie verlangt ihre Instrumente klanglich oft bis ins Extreme auszureizen und damit verstörende Wirkung beim Zuhörer auszulösen. Es sind die aus Altstätten stammende Sandra Schmid, Klarinette, der Bludenzer Pädagoge Joachim Tschann, Violine, sowie die beiden Konse-Professoren Mathias Johansen, Violoncello, und Yunus Kaya, Klavier. Zwischen bedrohlich rasenden Unisono-Passagen aller vier Instrumente entspannt sich der Bogen über Hoffnung und Zuversicht bis zum Erscheinen des erlösenden Engels am Jüngsten Tag mit der Aufhebung der Zeit im Aufbrechen der herkömmlichen rhythmisch-metrischen Ordnung. In Solopassagen entsteht die Klarinette mit ihren Naturlauten wie ein Gebet aus dem Nichts, das Cello spannt seine unendliche Melodie aus, die Violine jubiliert zur Himmelfahrt in höchsten Lagen, das Klavier treibt den steten rhythmischen Fluss, die harmonische Fortbewegung ins scheinbar Unendliche.

Es ist einer Idee des Altacher Kurators Willibald Feinig zu danken, dass diese Aufführung im historischen Ambiente der Alten Götzner Kirche durch ihre sorgfältig renovierten Fresken im Chorbogen über dem Altar eine wunderbare Entsprechung findet, als beispielhafte und ideale Verbindung zweier Kunstsparten. Denn auch hier finden sich im „Jüngsten Gericht“ von Hans Noppis von 1616 Darstellungen aus der Offenbarung des Johannes, die in ihrer flammenden apokalyptischen Bedrohlichkeit und Eindringlichkeit mit dem Geist von Messiaens Werk korrespondieren – bei manchem vielleicht auch etwas mit der momentanen bedrückten Covid-Stimmungslage. Für eine kleine, aber höchst interessierte Zuhörerschaft werden da Musik und Raum und Zeit auf besondere Weise zur geschlossenen Einheit. Und so wie diese Aufführung mit nicht enden wollenden Standing Ovations belohnt wird, werden danach wohl auch die Spenden zur Abdeckung der Restaurierungskosten üppig geflossen sein.

Joachim Tschann, Yunus Kaya, Mathias Johansen und Sandra Schmid in der Alten Kirche in Götzis. ju
Joachim Tschann, Yunus Kaya, Mathias Johansen und Sandra Schmid in der Alten Kirche in Götzis. ju

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