„Ich beschreibe die Sehnsucht“

Kultur / 21.01.2022 • 17:45 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Monika Helfers Vater mit ihrem kleinen Bruder Richard. Cinedoku/Erwin Thurnher
Monika Helfers Vater mit ihrem kleinen Bruder Richard. Cinedoku/Erwin Thurnher

Monika Helfer spricht über ihr Buch „Löwenherz“, in dem sie von ihrem Bruder Richard erzählt.

Hohenems „Beim Schreiben war er nah bei mir“, sagt Monika Helfer und meint ihren verstorbenen Bruder Richard. Mit „Löwenherz“ hat die Vorarlberger Schriftstellerin einen Roman verfasst, der die Geschichte, die mit „Die Bagage“ begann und mit „Vati“ weitererzählt wurde, nun fortsetzt. Es ist die Geschichte der eigenen Familie, beginnend bei den Großeltern Maria und Josef, die in der Zeit des Ersten Weltkriegs am Rande eines Dorfes leben. Mit dem Kind Grete wird Josef nie ein Wort reden, weil er die Vaterschaft grundlos anzweifelt. Es ist die Mutter der Autorin, die in „Vati“ einen stillen, jungen Mann heiratet, der ein Bein im Krieg verloren hat. Er wird Verwalter eines Erholungsheims für Kriegsversehrte in den Vorarlberger Bergen, wo die Kinder, wie Monika Helfer schreibt, in „einem Paradies“ leben, bis die Mutter an Krebs stirbt. Die Mädchen kommen zu einer Tante nach Bregenz, der Bub Richard zur anderen Tante nach Feldkirch. Dort bleibt er etwa bis zum zwölften Lebensjahr. Die älteren Schwestern, die das Baby einst herzten, so oft es nur ging, fragen sich manchmal, ob er wohl noch lebt, bis einmal ein Besuch gestattet wird, und begegnen einem nahezu fremden, in sich gekehrten Kind. „Richard Löwenherz“ hat der Vater seinen Sohn genannt, bis er nach dem Tod seiner Frau nicht mehr in der Lage war, sich um seine Kinder zu kümmern.

Ein Rätsel

„Löwenherz“ kommt in der nächsten Woche in die Buchhandlungen. „Es war nicht von Vornherein klar, dass ich die Geschichte bis fast in die Gegenwart heraufziehe“, erklärt Monika Helfer, „gerade in letzter Zeit war ich aber auch aufgrund der Pandemie sehr viel daheim, habe mir überlegt, was ich wohl als Nächstes schreibe und war auf der Suche nach jemandem, der Rätsel aufgibt, der Vati war ein Rätsel und Richard auch.“ Er sei ein Mensch gewesen, der keine Beziehung zu Dingen entwickelte, der im Beruf zwar Schriftsetzer war, aber vor allem gerne gemalt hatte, wobei es ihm ebenfalls unwichtig war, ob er mit den Bildern Anerkennung erfuhr oder wo sie überhaupt blieben. Monika Helfer beschreibt sie als naive Szenen, die an die Malerei von Henri Rousseau erinnern, manche sind mit schwer zu entlarvenden Zeichen versehen, einige Familienmitglieder haben noch welche aufbewahrt: „Ich finde sie wunderbar.“

Wenn er sich einer Person zuwandte, dann habe er sich voll und ganz auf diese eingelassen. „Wenn er mit mir sprach, dann hat er sich völlig auf mich konzentriert. Unsere Kinder haben sich immer sehr gefreut, wenn er auf Besuch kam, er war dann immer besonders witzig, nicht kindisch, deshalb gibt es die Geschichte mit dem Kind, für das er voll und ganz da ist.“

Vater-Kind-Beziehung

Dass Putzi, das heißt dieses Kind, das eine junge Frau, die er einmal beim Schwimmen kennenlernt, einfach mehrere Monate bei ihm abstellt, die fiktive Figur im Roman ist, legt Helfer im Gespräch offen. Anders wäre es kaum denkbar. Und dennoch zählen die Passagen zu den berührendsten im Buch und sind auch als Sujet neu. Das Kind nennt ihn Papa und es entwickelt sich eine Vater-Kind-Beziehung, die ungemein feinfühlig beschrieben wird. Ein Kleinkind, das die Welt aus einer besonderen Perspektive erfährt und sich noch kaum äußern kann, steht im Fokus eines Erwachsenen. Es verändert ihn, aber auch sein Umfeld, Richard nimmt das Kind mit zur Arbeit, wo es das Mitgefühl der Kollegen weckt und die Stimmung so schön färbt. An den Film „The Kid“ von Charlie Chaplin habe sie denken müssen und beschreibt auch den ungeheuren Schmerz, wenn das Mädchen von der Mutter zurückgeholt wird. „Das Kind war einfach da, es fragt nichts und hinterfragt nichts, mir ging es auch um die Beschreibung der Sehnsucht nach einem verlorenen Kind.“ Dass es viele Menschen gibt, die Richard Helfer gekannt haben, sei mitunter beklemmend gewesen, aber das müsse ihr letztendlich auch egal sein, meint sie. Es gehe um eine Beziehung, um die Verbundenheit, die Familie, um die Geborgenheit, die manche nicht erfahren durften, und es sei so viel Fiktion dabei, dass sie sich als Autorin als nicht angreifbar sieht.

Sehr Persönliches

Mit „Die Bagage“, „Vati“ und „Löwenherz“ streift Monika Helfer auch die Geschehnisse im 20. Jahrhundert. Im letzten Band ist nach den Weltkriegen von der politischen Atmosphäre in Deutschland in den 1970er-Jahren die Rede. Die Geschichte wird aber auch sehr persönlich. Der Schriftsteller Michael Köhlmeier tritt in das Leben der Ehefrau, die sich bald scheiden lässt und wieder heiratet und er versteht sich sehr gut mit ihrem Bruder. Sie habe sich lange überlegt, ob sie die Passagen drin lässt, mit ihrem Mann gesprochen, der meinte, dass sie es einfach so stehen lassen soll, wie es ihr eben passt. „Es wäre mir auch scheinheilig vorgekommen, wenn ich das ändere.“ Und der Bruder? „Es ist schön, über jemanden zu schreiben, den man sehr gerne gehabt hat“, sagt Monika Helfer.

„Es ist die Beschreibung der Beziehung, die wir zu ihm hatten, und es ist viel Fiktion dabei.“

„Ich beschreibe die Sehnsucht“

“Löwenherz”, Verlag Hanser, von Monika Helfer erscheint am 24. Jänner.