Christa Dietrich

Kommentar

Christa Dietrich

Partizipation ist attraktiv geworden

Kultur / 23.01.2022 • 18:54 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Vielleicht ging die Bedeutung des Werks auch etwas unter, weil es bei der letzten Kunstbiennale in Venedig (die international beachtete Ausstellung fand zuletzt 2019 statt und erreicht aufgrund der Pandemie nun einen Dreijahresrhythmus) etwas viel Genähtes, Gehäkeltes und Gestricktes gab. Wenn Margaret und Christine Wertheim nun dafür sorgten, dass Tausende Menschen in verschiedenen Ländern bereits zur Häkelnadel griffen und Material für die Korallenriff-Installation der australischen Künstlerinnen lieferten, hat das jedoch mehrere schöne Gründe. Einmal erinnert das Projekt daran, dass wir leider ziemlich erfolgreich darin sind, unseren Planeten zu zerstören, was sich an den Korallen deutlich zeigt, und zudem sind die künstlerischen Korallenobjekte nicht nur eindrückliche Gebilde (die es nun übrigens im Museum Frieder Burda in Baden-Baden zu sehen gibt), sie dokumentieren auch in besonderer Weise jene Partizipation, auf die Kuratorinnen und Museumsleiterinnen mittlerweile verstärkt setzen.

Dass die Vorarlberger Künstlerin Anna-Amanda Steurer noch bis Ende April mit einer Arbeit, die an die Flaschenpost in Abenteuergeschichten erinnert, im großen Zeppelinmuseum in Friedrichshafen vertreten ist, verdankt sie beispielsweise einer Initiative der dortigen Leiterin Claudia Emmert, die das Publikum dazu aufrief, unter vielen Einsendungen, jene Bilder, Objekte und Installationen zu nominieren, die es im Museum sehen will. Ein solches Vorhaben hat im Kunstbereich seine Tücken, weil die Menschen wohl zum Teil nach ihrem Geschmack votiert haben, das heißt, nach einem Kriterium, das nicht unbedingt etwas über die Qualität der Arbeit aussagt. Expertinnen beantworten Qualitätsfragen im Wissen um die Kunstgeschichte, um Mechanismen in der Gegenwart sowie um Intuition und Material. Auf solche Kenntnisse können sich Laien nicht verlassen. Und dennoch darf nicht vergessen werden, dass man in Museen und Ausstellungshallen nicht unter sich bleiben will. Das Programm soll auf breites Interesse stoßen, Fachleute ebenfalls ansprechen wie Besucher aus allen Berufen bzw. Jugendliche und Kinder.

In Deutschland wurden jüngst wissenschaftliche Studien in Auftrag gegeben, die das Ziel haben, zu eruieren, warum so viele Menschen überhaupt kein Museum betreten. Die Zeit ist momentan nicht günstig, aber nicht nur irgendwann, sondern hoffentlich bald wird die Pandemie keinen Einfluss mehr auf die Öffnung oder Schließung der Häuser haben.

Interessanterweise hat das Vorarlberg Museum vor Kurzem ebenfalls eine solche Umfrage angekündigt. Es wäre gut, wenn man die Idee nicht sausen lässt. Die Besucherzahlen des letzten Jahres mit den Lockdowns, Veranstaltungs- und somit Vermittlungsverboten sind nicht aussagekräftig, übermäßiger Beliebtheit erfreute sich das erst vor einigen Jahren groß ausgebaute Museum aber auch vorher nicht. Das sollte sich ändern. Fragen, ob das Programm vielleicht zu unattraktiv ist oder ob es nicht ausreichend bekannt ist, dürfen bzw. sollten in einer Institution gestellt werden, die von der öffentlichen Hand getragen wird. Partizipation bzw. ab und zu ein Mitspracherecht wäre auch nicht schlecht. Man braucht die Menschen dazu nicht gleich zum Basteln zu animieren. Sie zu erreichen, ist bereits herausfordernd.

„Fragen, ob das Programm vielleicht zu unattraktiv ist oder ob es nicht ausreichend bekannt ist, dürfen bzw. sollten in einer Institution gestellt werden, die von der öffentlichen Hand getragen wird.“

Christa Dietrich

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