Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Als die Nacht sich senkte

Kultur / 28.01.2022 • 18:27 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Am Donnerstag wurde weltweit des Holocaust, der Vernichtung der Juden während der nationalsozialistischen Zeit, gedacht, aus naheliegenden Gründen vor allem in den Parlamenten von Deutschland, Österreich und Israel. Es waren erschütternde Bilder, die uns das Fernsehen ins Wohnzimmer brachte, alte Frauen und Männer, die vor den Abgeordneten, als sie von ihrem Schicksal erzählten, in Tränen ausbrachen, Parlamentarier, die sich ihr Taschentuch vor die Augen hielten, Präsidenten, die die Überlebenden in ihre Arme schlossen. Alles im Bewusstsein, dass es nicht mehr lange währen wird, bis wir keine Überlebenden aus den Konzentrationslagern mehr einladen können, nicht mehr in Schulen, zu Vorträgen oder eben in Parlamente. Denn sie werden alle gestorben sein. Die Gefahr besteht, dass dann auch die Erinnerung verblassen wird.

Bücher können helfen, sich unsere Geschichte weiter vor Augen zu halten. Denn die Zeit ist nicht lange her, unsere Väter und Mütter waren mit dabei. Nicht unbedingt in verbrecherischer Art, viele aber doch als Mitläufer, sehr wenige als Widerständler. Wir sollten uns also mit dem Nationalsozialismus und mit dem, was er ausgelöst hat, befassen. Beim Ueberreuter Verlag ist eine Trilogie erschienen, die uns die Schicksale der Intellektuellen dieser Zeit, die zu hohem Grad Juden waren, erzählt. Autor ist der langjährige Chefredeakteur der „Arbeiter-Zeitung“ und des „profil“, Herbert Lackner. Im ersten Teil, „Als die Nacht sich senkte“, beschreibt er die Zeit vor der endgültigen Katastrophe, im zweiten Band „Die Flucht der Dichter und Denker“ zeigt er, wie „Europas Künstler und Wissenschaftler den Nazis entkamen“, um schließlich im dritten Buch „Rückkehr in die fremde Heimat“ davon zu erzählen, wie wenig willkommen die Flüchtlinge nach ihrem Exil in Österreich waren. So wenig willkommen, dass viele auf eine Rückkehr in die alte Heimat verzichteten, womit dem Land ein unglaublicher Teil der geistigen Elite für immer verloren ging. Lackner versteht es, die tragischen Ereignisse so zu schildern, dass sie auch ohne historische Vorkenntnisse mit Gewinn zu lesen sind. Eine Geschichte in drei Bänden, aus der man viel zum Nazi-Terror und seinen Auswirkungen erfährt.

Noch ein Hinweis: Der Sohn des der älteren Generation bekannten Schauspielers Charles Regnier, Anatol Regnier, hat ein Buch – „Jeder schreibt für sich allein. Schriftsteller im Nationalsozialismus“ (Verlag C.H. Beck) – über jene Dichter geschrieben, die trotz NS-Herrschaft in Deutschland geblieben sind. Mutige Menschen, die oft ein tragisches Schicksal erlitten haben. Regnier und Lackner – Bücher, die gerade um den Holocaust-Gedenktag sinnvoll zu lesen sind.

„Bücher können helfen, sich unsere Geschichte weiter vor Augen zu halten.“

Walter Fink

walter.fink@vn.at

Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.