Inhaltlich gut gebaute Abenteuer

Kultur / 04.02.2022 • 16:50 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Die Tote mit der roten SträhneKathleen KentSuhrkamp361 Seiten

Die Tote mit der roten Strähne

Kathleen Kent

Suhrkamp

361 Seiten

Kathleen Kent hat ihren ersten Thriller verfasst. In ihrem literarischen Vorleben schrieb sie Historienschinken.

Romane Die US-Autorin Kathleen Kent hat eine rege literarische Vergangenheit, sie schrieb Bücher, die jedes Jahr als Kiloware angeboten werden und durchaus ihr Publikum finden. Ihre historischen Romane mit Schall und Rauch und viel Getöse eignen sich wunderbar für Nachmittage im Schwimmbad oder für langwierige Zugfahrten. Sie laufen unter verheißungsvollen Titeln wie „Die Tochter der Ketzerin“, „Die Ausgestoßenen“ oder „Die Frau des Verräters“. Mit Themen wie die Hexenjagd und das Aufgebehren gegen das Patriarchat schafft es die Autorin zu Büchern, die global gesehen zu Bestseller wurden. Okay, es ist kein zweites „Vom Winde verweht“ dabei, aber im Land der unbegrenzten Auflagen ist „der Bestseller“ wesentlicher als alles andere. Dann war einige Jahre Funkstille, warum auch immer, und nun wartet die Autorin mit ihrem ersten Thriller namens „Die Tote mit der Roten Strähne“ – immerhin in einem deutschen Qualitätsverlag – auf. Die Frage drängt sich auf: Was kann das Werk?

Gut gebaut ist halb gewonnen

Die Antwort in sechs Wörtern: Da gab es schon viel Schlimmeres. Hauptcharakter Detective Betty Rhyzyk kommt aus einer polnischen Polizisten-Familie, der Blutzoll ist in der Familie nicht zu übersehen, aber Betty hält eisern die Fahnen hoch und ist im Drogendezernat in einer No Name City in Texas, nahe der Grenze zu Mexiko, stationiert, dazu ist sie lesbisch und wirkt auf Männer anziehend. Im Grunde hätte die Hälfte an Eigenschaften für den Roman gereicht, aber die Autorin hat vermutlich gleich bei der Konzeption des Erstlings an diverse Fortsetzungen gedacht, da zahlt sich eine große Menge an Erscheinungsmerkmalen aus. Betty Rhyzyk kämpft auf alle Fälle heroisch für das Recht aller Unterdrückten, das Training dazu dürfte sie in ihren historischen Romanen absolviert haben.

Trotz gewisser literarischer Vorbehalte ist der Thriller inhaltlich gut gebaut. Hier wird Tempo gemacht, nicht auf Teufel komm raus, aber es kommen doch immer Schüsse aus Ecken, wo man sie nicht vermutet. Psychopathen, historische nachgespielte Schlachten, missglückte Beschattungen, rechte Nachbarn und eine quasi sich in die Fortsetzung schwindelnde Täterin ergeben in Summe einen Themenwald, durch den die Autorin gekonnt galoppiert. Der Einfluss der Streaming-Dienste wird hier spürbar, und gut möglich, dass der Roman auch schon in seriengerechte Happen zerteilt wird, zumindest liegen in den USA bereits zwei Fortsetzungen im Buchhandel auf.

Mord oder nicht Mord

Drei Frauen und ein Mann leben zurückgezogen in einem Haus, schön verankert in einem Wohnbezirk in den Niederlanden. Die vier Bewohner sieht man eher selten, sie sind aber auch nicht auffällig. Plötzlich stehen vor dem Haus einige Einsatzfahrzeuge und auf einer Bahre wird eine der Frauen herausgetragen, die sich scheinbar zu Tode gehungert hat. Sehr schnell wird klar, dass sich die Insassen in einer glaubensbedingten psychischen Ausnahmesituation befanden. Schon bald fällt der Groschen: War das nun Mord, fahrlässige Tötung oder doch der freie Wille zu sterben? Die Autorin Gerda Blees macht es sich in „Wir sind das Licht“ nicht leicht, hält gekonnt ihre Meinung zurück und lässt die anderen erzählen, auch die Häuser dürfen an der Story mitwirken. Ob es diesen Kunstgriff braucht, ist fraglich, doch der Roman hat gefühlt etwas mit dem „Tatortreiniger“ im TV zu tun, durchaus unterhaltsam, doch mit ernstem Hintergrund.

Wir sind das LichtGerda BleesZsolnay239 Seiten

Wir sind das Licht

Gerda Blees

Zsolnay

239 Seiten