Debatte zur Sterbehilfe auf der Bühne

Kultur / 06.02.2022 • 17:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Debatte zur Sterbehilfe auf der Bühne
Fördert die Debatte: „Gott“ von Ferdinand von Schirach am Schauspielhaus Graz. Theater/Lamprecht

Das vieldiskutierte Stück „Gott“ wurde nun auf die österreichische Gesetzeslage zugeschnitten.

Graz Vernunft, Toleranz, Freiheit, Solidarität und Selbstbestimmung waren Themen in der europäischen Theaterliteratur, bevor sie sich im Rechtssystem widerspiegelten. Die Abhandlung ethischer Diskurse auf der Bühne hat lange Tradition. Darauf beruft sich der deutsche Schriftsteller und Jurist Ferdinand von Schirach (geb. 1964) im Grunde, wenn er in seinen Texten die Entscheidungsfreiheit in den Fokus stellt.

Während er mit seinem jüngsten Buch „Jeder Mensch“, in dem er etwa die Differenzierung der Verfassung hinsichtlich deutlicher Transparenz bei Umweltschutz und Produktionsmethoden forderte, Diskussionen beflügelte, ist auch das im Herbst 2020 uraufgeführte Theaterstück „Gott“ brisant. In Deutschland kam es vor einiger Zeit zu gesetzlichen Neuregelungen bei der Sterbehilfe, in Österreich trat mit Beginn des Jahres ein Sterbeverfügungsgesetz in Kraft, nach dem schwerkranke und unheilbar kranke volljährige Menschen unter bestimmten Voraussetzungen Zugang zu einem tödlichen Präparat erhalten können. 

Fiktive Ethikkommission

Die Frage, die Ferdinand von Schirach im Stück stellt, ist weitreichender. Die philosophische Debatte um den Grad der Selbstbestimmung kreist letztlich um den Fakt, dass ein 78-jähriger gesunder Mann sein Leben in Würde mit einem Medikament beenden will. Er hatte zuvor das lange Leiden und Sterben seiner an einem Tumor erkrankten Frau erfahren.

Der fiktiven Ethikkommission, die zur Entscheidung kommen soll, ob Richard Gärtner ein entsprechendes Präparat erhält, nun im Grazer Schauspielhaus mit einem Transparent an der Fassade und einem Flyer (mit Aufdruck Bundeskanzleramt) einen quasi offiziellen Anstrich zu geben, ist eine Entscheidung von Regie und Ausstattung, die in dieser auf die österreichische Gesetzeslage zugeschnittenen Version fragwürdig bleibt wie die Aufforderung zur Abstimmung durch das Publikum, die seit der Uraufführung stets erfolgt. Derlei Effekte stehen im Kontrast zu den gut recherchierten und auf juristischen Kenntnissen des Autors basierenden Aussagen von Medizinethikern sowie Sachverständigen aus dem Bereich des Verfassungsrechts, der Medizin und der Theologie. Dass jener Rechtsanwalt, der Richard Gärtner vertritt, auf jedes Argument gefasst ist und perfekt kontert, erhöht die Spannung, die eine theatralische Umsetzung braucht. Regisseur Bernd Mottl überzieht das Engagement, das Mathias Lodd so klug verdeutlicht, allerdings oft mit unpassender Überheblichkeit. Die Atmosphäre, die jeder in der Kommission entsprechend seinem Part sowie der bestimmt auftretende Gerhard Balluch als Gärtner erzeugen, ist trotz des dramaturgisch schwierigen Befragungsrituals ansonsten extrem konzentriert, fordert das Publikum, ist aber nicht manipulativ. So wie nun am Schauspielhaus Graz kann eine ungemein komplexe Thematik auf der Bühne erörtert und eine Debatte gefördert werden.

Das Ergebnis der Abstimmung sei angeführt: 77 Prozent des Premierenpublikums (durchschnittlich höheren Alters) votierte generell für „Sterbehilfe“, die konkrete Beihilfe zum „Selbstmord“ (man wählte hier diesen Begriff) im fiktiven Fall Richard Gärtner befürworteten schließlich 57 Prozent. Spekulativ mag der Stücktitel „Gott“ wirken, der aber wohl auf den historischen Kontext des Themenbereichs anspielt, der jeden betrifft, zu dem der einzelne Mensch über die Jahrhunderte aber nichts zu sagen oder zu fragen hatte.

Nächste Aufführung von „Gott“ von Ferdinand von Schirach am Schauspielhaus Graz am 8. Februar und zahlreiche weitere: schauspielhaus-graz.com