Orte und ihre Geschichten

Kultur / 10.02.2022 • 18:29 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Installation der bildenden Künstlerin Iris Andraschek. ag
Installation der bildenden Künstlerin Iris Andraschek. ag

Fotografische Untersuchungen zu „Stadt, Land, Fluss“ im Bildraum Bodensee.

BREGENZ Mit „Stadt Land Fluss“ sind für einmal keine Schnelldenker- und -schreiber angesprochen, sondern gemessene Beobachter, die der Langsamkeit und Vielschichtigkeit des fotografischen Blicks von Künstlern frönen und dem breiten Spektrum, das diese mit ihren fotografischen Ortsuntersuchungen eröffnen.

Gemeint ist also nicht das Wissensspiel, sondern die gleichnamige, sehenswerte Ausstellung im Bildraum Bodensee, eine Kooperation mit Kunst im Traklhaus Salzburg, kuratiert von Verena Kaspar-Eisert. Für Bregenz wurde die Ausstellung adaptiert und erfreulicherweise mit Gerhard Klocker um eine perfekt in den Kontext passende Vorarlberger Position erweitert. Seit ihrer Erfindung legt die Fotografie Zeugnis von Welt ab, dient als dokumentarisches Medium, als visuelle Beweisführung und als wissenschaftliche Erkenntnismethode. Die in der Ausstellung vertretenen österreichischen Fotografen Iris Andraschek, Peter Garmusch, Gerhard Klocker, Anja Manfredi, Peter Schreiner und Herwig Turk nähern sich der Wirklichkeit oder einem subjektiven Ausschnitt von Realität und einem spezifischen Ort mit ganz unterschiedlichen Strategien und ihrer individuellen fotografischen Handschrift an, um daraus Geschichten zu machen.

Enten im Hochhaus

Fast programmatisch zum Ausstellungstitel scheint die Installation von Iris Andraschek (1963). Fotos der Reihe „Fragile Territorien“ dokumentieren das Leben von durch den Bau einer Talsperre im Fluss Jangtsekiang in die 33-Millionen-Stadt Chongqing zwangsumgesiedelten Menschen. Zumeist Bauern, betreiben diese nun in der City urbane Landwirtschaft, halten Enten auf dem Dach eines Hochhauses oder bauen unter Autobahnbrücken Gemüse an. Der Lebenskontext, die Anpassungsfähigkeit des Menschen in sozialen und ökonomischen Zusammenhängen ist auch Thema im zweiten Werk, das Gebrauchtes, Werkstoffe und desolates Gerümpel versammelt, wie man es auf dem Land in Hinterhöfen, Garagen oder Schuppen vorfindet. Von seltsam unwirklicher Schönheit und doch äußerst real sind die Aufnahmen, die Peter Garmusch (1974) auf Kairos Straßen gemacht hat: Liebevoll mit bunten, zusammengenähten Decken und Teppichen zugedeckte Autos werden zu geheimnisvollen Zufallsskulpturen und blitzen durch die Kamera des Künstlers im Alltag auf. Auf petrolfarben gestrichener Wand zeigt Gerhard Klocker (1962) zeitlose, leicht nostalgisch und sentimental anmutende Ansichten von Städten, Sehenswürdigkeiten und Landschaften – Motive, wie man sie selbst schon hundertfach auf Urlaubsreisen abgelichtet hat. Nicht ohne Grund nennt er die Serie „Collective Memory“.

Ort der Kindheit

Um Erinnerung und einen zutiefst persönlichen Zugang zu ihrem Untersuchungsgegenstand geht es auch in den Arbeiten von Anja Manfredi (1978), die den Ort ihrer Kindheit – Haus und Garten einer Südtiroler Siedlung – in einer Art Bestandsaufnahme neu vermisst. Fremde Häuser in verschiedenen Wiener Bezirken beschäftigen dagegen Peter Schreiner (1980). Allen 360 Häusern gemeinsam ist ein kleines schwarzes, auf der Spitze stehendes Dreieck an Fassade, Türen oder Mauern, dessen Bedeutung auch nach eingehender Recherche des Künstlers im Dunkeln bleibt.

Auf einen ganz besonderen Fluss, den Tagliamento in der Region Friaul, als einem der letzten nicht regulierten Flüsse in den Alpen mit einem entsprechend außergewöhnlichen Ökosystem, lenkt Herwig Turk (1964) seine fotografischen Beobachtungen. Die über mehrere Jahre laufende Auseinandersetzung mündet in Fotografien, Leuchtkästen, interaktive Objekte, Siebdrucksiebe, Planschränke und mehr und fordert auch beim Betrachter Zeit ein.

Auf petrolfarben gestrichener Wand zeigt Gerhard Klocker Ansichten von Städten, Sehenswürdigkeiten und Landschaften. Bildrecht
Auf petrolfarben gestrichener Wand zeigt Gerhard Klocker Ansichten von Städten, Sehenswürdigkeiten und Landschaften. Bildrecht
Fotografische Beobachtungen von Herwig Turk (1964).
Fotografische Beobachtungen von Herwig Turk (1964).

Die Ausstellung ist im Bildraum Bodensee, Seestraße 5, 2. Stock, Eingang im Posthof, Bregenz, bis zum 17. März geöffnet, Di und Do von 13 bis 18 Uhr, Sa von 11 bis 16 Uhr.