Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Lostag fürs Gymnasium

Kultur / 11.02.2022 • 18:08 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

An diesem Wochenende wird es in so manchen Familien, die eine Schülerin oder einen Schüler in der vierten Klasse Volksschule haben, Unruhe geben. Da ist nämlich Lostag fürs Gymnasium. Wer am Ende des Semesters nicht lauter Einser oder maximal einen Zweier im Zeugnis hat, dem wird wohl der Weg in die Allgemeinbildende höhere Schule verwehrt bleiben. Zu viele drängen – vor allem im städtischen Bereich – in die höhere Bildungsanstalt, nur einige wollen freiwillig in die Mittelschule. Und so wird rundum Druck ausgeübt: Druck von den Eltern auf die Kinder, Druck von den Eltern auf die Lehrerinnen und Lehrer, damit (vielleicht) Druck von den Lehrern auf die Kinder. Man vergesse nicht: Die Kinder sind zehn Jahre alt, sie sind selbst noch nicht wirklich reif für eine Schul- oder Berufsentscheidung – und deshalb nehmen ihnen die Eltern die Entscheidung ab. Und weil es die Eltern mit ihren Kindern vermeintlich gut meinen, drängen sie die Kleinen ins Gymnasium. Auch wenn die Kinder dort überfordert sind.

Das Problem ist altbekannt, es ist von (fast) allen erkannt, von Eltern ebenso wie von Lehrern. Sogar in der Politik finden sich manche, die das alles nicht gerne sehen. Und trotzdem geschieht nichts. Das heißt: Es ist schon manches geschehen, aber es tut sich nichts. Da hat zum Beispiel der Vorarlberger Landtag bereits im Jahre 2015 mit nur einer Gegenstimme den Beschluss gefasst, unser Land als Modellregion für die gemeinsame Schule der 10- bis 14-Jährigen einzurichten. Diese Absichtserklärung wurde dann allerdings von der ersten Bundesregierung unter Kanzler Sebastian Kurz – und mit ihm so manch andere Bildungsbürger – unterlaufen, denn Kurz war für die Beibehaltung der Langform des Gymnasiums. Damit fiel die ÖVP in Vorarlberg um, nichts wurde aus der Modellregion.

Die Probleme haben sich nicht verändert, die Argumente haben sich nicht verändert, die Schwierigkeiten haben sich nicht verändert – nur der politische Wille ging verloren. Die so oft gerühmte Eigenständigkeit Vorarlbergs gegenüber dem Bund ist im Gegenwind aus Wien – und wohl auch aus mangelnder eigener Überzeugung – verloren gegangen. Somit stehen wir auch heute wieder vor dem alten, unnötigen Problem, dass Kinder unter Druck gesetzt werden. Eine gemeinsame Schule würde all das verhindern, wäre pädagogisch und auch erzieherisch besser sowie für Lehrer, Eltern und Kinder gesünder. Aber all das wird auf dem ideologischen Altar rückständiger Vorstellungen von ÖVP und FPÖ geopfert. Büßen müssen all das vor allem die Kinder.

„Die Probleme haben sich nicht verändert, die Argumente haben sich nicht verändert, die Schwierigkeiten haben sich nicht verändert – nur der politische Wille ging verloren.“

Walter Fink

walter.fink@vn.at

Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.