Vom Versuch, nicht aufzugeben

Kultur / 18.02.2022 • 20:48 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Vom Versuch, nicht aufzugeben

Meine Wohnung hatte durch Cristinas Anwesenheit neu zu atmen begonnen. Das Sofa, auf dem wir so oft gesessen – und nicht nur gesessen – hatten, sah nun erbärmlich verlassen aus, im Bett streckte ich meine Hand nach einem Schatten aus.

Obgleich sie immer nur wenige Stunden hatte bleiben können und zwischen ihren Besuchen viele Tage vergangen waren, hatte sie doch einen Rhythmus in mein Leben gebracht. Nun reihte sich Leerstelle an Leerstelle, die Zeit rückte nicht voran, ich ging wie ein Gefangener in meiner Wohnung auf und ab.

Als ich noch Frau und Kind, eine Aufgabe hatte, kannte ich die Leere kaum – und wenn sie sich an einem trüben Sonntagnachmittag wie Nebel im Haus ausbreiten wollte, hatten wir sie mit einem Gespräch, mit einem Besuch bei Freunden zum Verschwinden gebracht –, nun stand sie wie eine zähe, feste Masse in meinen Räumen, aus denen sie nicht mehr weichen wollte.

Ich hätte einen Freund anrufen und ihm bei einem Spaziergang von Cristina erzählen können, aber ich wollte nicht reden. Meine Augen wollten schauen, meine Beine wollten gehen, meine Sinne wollten neue 19 Landschaften sehen. Noch ein paar Tage im Käfig, und ich würde innerlich erblinden. Auf einem langen Gang durch die triste Vorstadt dachte ich beim Anblick der endlosen Lärmschutzwand entlang der Bahnstrecke, dass sie es heutzutage demjenigen, der sich umbringen will, schwer machen. Der ganze Gleiskörper war hinter der Wand verborgen. Ich ging an der Stelle vorbei, an der sich vor vielen Jahren eine junge liebe Bekannte auf die Schienen gelegt hatte. Damals hatte dort keine Wand die Gleise verborgen. Sie hatte zuvor ihren kleinen Sohn ihrer Mutter in Obhut gegeben und war aus dem Haus gegangen, als wäre alles wie immer.

Zu Hause warf ich ein paar Kleider, ein paar Bücher in meine Reisetasche und bestieg am nächsten Tag einen Zug, der mich nach Paris brachte. Ich bezog ein kleines Hotel unweit des Luxembourg und schlenderte Tag für Tag durch die Stadt. Es war eigentlich kein Schlendern, dafür waren die Schritte um mich herum zu schnell. Anfangs fühlte ich mich wie ein Fremdkörper, und auch in mir spürte ich eine Leere, einen uneinholbaren Abstand zwischen dem Menschen, der ich hier einmal gewesen war, und dem, der jetzt wie ein Schatten durch die Straßen ging. Doch selbst als Schatten spürte ich in dieser schnellen, ganz nach außen gekehrten, eitlen Stadt, was mich damals, als ich hier lebte, getragen, fortgerissen hatte mit einem Atem, der einen nah am Puls des Lebens zu sein verlangt. Ich war in diese Stadt gekommen, hungrig nach dem Wind einer großen, freien Stadt, dem Leuchten in den Augen der Menschen.

Ein inneres Feuer hatte mich durch die Straßen getrieben, eine Glut, die mich alles aufsaugen ließ, ja, es war Hunger nach dem Wind der Welt, nach dem Leben, so wie ich es mir vorstellte. Ich war in einem abgehausten, versifften Hotel nahe der Gare de Lyon für billiges Geld abgestiegen. Frühmorgens trieb mich der Gestank der Gaskocher aus den Nachbarzimmern aus dem Bett, die Wände schienen aus Pappe, ebenso die Türen, die den Gestank nicht aussperrten. In diesem zugigen Kasten mit den Pappwänden und der sich bis ganz nach oben, unter dem Dach verjüngenden und schließlich so engen Treppe, dass man den Koffer hinter sich heraufziehen musste, da stand mein Bett. Dort oben in den versifften, winzigen Zimmerchen hausten stumme Gestalten, die dem Blick auswichen und sich wegduckten, als erwarteten sie Schläge. Das Kochen war in dem baufälligen Schuppen streng verboten, doch jeder in diesem Verschlag tat es. Alles in diesem Hotel stank zum Himmel, doch blieb ich mehrere Wochen darin wohnen, vielleicht weil es mich etwas wie Abstieg fühlen ließ. Ja, hier hausten die, die nirgendwo und von niemandem mehr aufgefangen werden würden, Gestalten, wie ich sie aus den Paris-Büchern von George Orwell oder Henry Miller kannte. Ich hielt es darin eine Zeit lang aus, trieb mich von morgens bis spätnachts in der Stadt herum, ja, ich erging mir diese Stadt, lernte sie kennen und lieben, entdeckte Lieblingsecken und solche, die ich nicht zweimal zu sehen brauchte.

Die Brücken über die Seine wurden meine Atemstationen, meine Ruhebrücken. Direkt vom Pont Neuf führt ein Durchlass hinein in die Place Dauphine, wo man sich wie auf einer Insel inmitten des großen Motors der Stadt wiederfindet. Dort setzte ich mich oft auf eine Bank und ließ mich einsinken in dieses ganz besondere Gefühl inmitten dieses Häuserdreiecks. Ich entdeckte auf meinen Streifzügen kleine Nischen, in denen ich etwas wie Weltwind um meine Schläfen spürte, ein Gefühl, als wäre ich endlich angekommen im Herzen der Welt, im Herzen dessen, was fortan meine Welt sein sollte. Wie armselig erschien mir hier, getragen von diesem Wind, das abgezirkelte, kleine Leben in der verregneten österreichischen Provinz, aus der ich kam. Ich musste meine Tage hier nützen, musste den Weltwind in mich aufnehmen, mich von ihm formen lassen, um der zu werden, der verborgen in mir schlummerte und von dessen Existenz ich nie erfahren hätte, hätte ich nicht den Sprung heraus aus der Enge gewagt.

Damals hatte ich mich in der Enge geglaubt, doch die wirkliche Enge, eine ganz andere, schwarze Tiefe, aus der kein Weg herausführt, lernte ich später kennen, viel später, nachdem mein Traum von Paris verblasst und ich zurückgekehrt war in ein anderes Leben, mir eine Familie aufgebaut hatte, mich durch einen Sohn beschenkt sah, ein Geschenk, das ich verlieren sollte und kennenlernen sollte, was wahre Enge wirklich bedeutet: vollkommene Verlorenheit.

Vom Versuch, nicht aufzugeben

Zur Person

Wolfgang Hermann

Geboren 1961
in Bregenz

Ausbildung Studium Philosophie und Germanistik

Publikationen u. a. „Abschied ohne Ende“, „Herr Faustini bleibt zu Hause“, „Paris Berlin New York“, „Konstruktion einer Stadt“, „Das japanische Fährtenbuch“, „Die letzten Gesänge“, „Der Lichtgeher“, „Herr Faustini bekommt Besuch“, „Insel im Sommer“

Preise u. a. Anton-Wildgans-Preis, Förderpreis zum Österr. Staatspreis, Preis der Intern. Bodenseekonferenz

Insel im Sommer, Wolfgang Hermann, Czernin,
72 Seiten