Eine Hölle mit hohem Marktwert

Kultur / 20.02.2022 • 19:07 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Die Bregenzer Festspiele übernehmen die neue Produktion
Die Bregenzer Festspiele übernehmen die neue Produktion “Geschlossene Gesellschaft” und zeigen sie bereits vor Saisonstart im April.

Wiener Burgtheater kommt mit dieser “Geschlossenen Gesellschaft” zu den Festspielen.

Wien, Bregenz Grundsätzlich können Theaterbesucher davon ausgehen, dass sie zwar Teil des Illusionsraumes sind, als Einzelperson aber anonym bleiben, sogar unerkannt – im Dunkeln. Das lässt Martin Kusej in seiner Inszenierung des Dramas „Geschlossene Gesellschaft“ von Jean-Paul Sartre nicht zu. Gleißendes Licht umfängt die Premierenbesucher im Wiener Burgtheater, die Bühne, ausgelegt mit Schotter und schon beim Vorhang begrenzt von einer grauen Ziegelwand, reicht weit in den Zuschauerraum. Eine Grundthese dieses Situationstheaters mit viel philosophischer Theorie, konzentriert in dem Satz „Die Hölle, das sind die anderen“, kippt somit bildlich in „Die Hölle, das sind wir alle“. Wie es sich dann damit verhält, dass im Blick der anderen die Selbsttäuschung nicht funktioniert, wie Garcin, die zentrale Hauptfigur erkennen muss, das geht in dieser Konstellation nicht ganz auf. Aber gut, war es halt eine weniger stringente als reizvolle Idee, um den Diskussionsstoff, den die „Geschlossene Gesellschaft“ enthält, darzubieten.

Auf der Theaterhandlung an sich liegt ohnehin viel Patina, die sich ohne Substanzverlust nicht wegbürsten lässt. Kusej hat die Übersetzung von Traugott König nur leicht angereichert, lange Atempausen nicht gescheut und stand nach zwei Stunden vor einem Publikum, das ihn und vor allem sein Ensemble lautstark feierte.

Im April in Bregenz

Wie in Bregenz darauf reagiert wird, zeigt sich am 16. und 17. April, wenn die Festspiele mit Aufführungen dieser Produktion jene Kooperation mit dem Burgtheater fortsetzen, die schon im Vorjahr mit Shakespeares „Richard II.“ (damals vor der Wien-Premiere) außerhalb der Sommersaison in Gang gesetzt wurde.

Bis dahin hat sich hoffentlich auch das Pandemiegeschehen positiv verändert. Zu den lästigen bzw. lächerlichen und vor allem medial hervorgehobenen Begleiterscheinungen dieser Neuinszenierung zählt die konkrete thematische Zuordnung zu Lockdown und Quarantäne bis hin zur Postulierung der Premiere als „Stück der Stunde“. Du meine Güte, was ist denn das für ein Kindergarten. Das Stück wurde im Jahr 1944 uraufgeführt und hatte was das Eingeschlossensein betrifft einen Hintergrund jenseits der Vergleichbarkeit mit dem reduzierten Bewegungsradius von Covid-Infizierten oder von Menschen, die mit einem lockdownbedingten Mehr an Zeit für Reflexion nichts anzufangen wussten. Jean-Paul Sartre (1905-1980) war selbst von Gefangenschaft betroffen und in Paris hockten Nazis und Kollaborateure.

Fragen zur Freiheit

„Huis clos“, so der Originaltitel, wurde auch aus pragmatischen Überlegungen ein Vierpersonenstück, das in kleinen Räumen aufführbar ist. Die klobige Konstruktion – Widerstandsheuchler trifft auf eine intellektuelle, aber auch über Leichen gehende Lesbe und eine triebhafte Kindsmörderin – stellt die Personenführung vor besondere Herausforderungen, deren Bewältigung an diesem Haus kein Problem sein darf. Es zeigt sich auch keines und das liegt vor allem darin, dass die Spielart dahingehend ausgelegt ist, dass sich keine Zäsur ergibt, wenn die drei Personen, die nach ihrem Tod hier aufeinandertreffen, zu erkennen geben, welche Schuld sie im Leben auf sich geladen haben. Dass und wie sie voneinander abhängig sind, wird mit reichlich Nachdenkpotenzial erzählt. Regina Fritsch hat es allerdings wirklich nicht leicht, wenn sie als notgeile Estelle einmal zur Fratze zu erstarren hat und später gerade noch nach Kopulation giert, die ihr Tobias Moretti als Garcin gewährt während er sich am zur Perfektion getriebenen perfiden Spiel von Dörte Lyssewski als Inès reibt. Einmal gehen die Türen ja auf, aber es flieht keiner. In der Fragestellung zur Freiheit und ihrer Konsequenz zeigt das Stück seine Substanz und hier erreicht das Spiel bzw. die Debatte von Lyssewski, Fritsch und Moretti besondere Dichte und Dringlichkeit. Schön angereichert wird sie vom dosiert sarkastischen Witz, den Christoph Luser als Höllenkellner einbringt.

Hölle mit Gurkerl

Ins erwähnte Bühnenbild von Martin Zehetgruber hat sich auch eine Skulptur des österreichischen Bildhauers Erwin Wurm geschlichen. Das phallisch aufgerichtete, überdimensionierte Gurkerl hat einen ziemlich hohen Marktwert. Im modernen Inferno ist zwar nichts zu teuer, einander ertragen zu müssen, kann dennoch die Hölle sein. „Da sind wir also“, heißt es am Anfang existenzphilosophisch beim Betreten des Raumes und am Ende wird es ewig so weitergehen. Das Publikum braucht ein paar Minuten, bis es die erstarrte Szene mit Applaus durchbricht.

Christoph Luser, Tobias Moretti, Dörte Lyssewski und Regina Fritsch in „Geschlossene Gesellschaft“ von Jean-Paul Sartre am Wiener Burgtheater. Burgtheater/Matthias Horn
Christoph Luser, Tobias Moretti, Dörte Lyssewski und Regina Fritsch in „Geschlossene Gesellschaft“ von Jean-Paul Sartre am Wiener Burgtheater. Burgtheater/Matthias Horn

Nächste Aufführungen von „Geschlossene Gesellschaft“ im Burgtheater in Wien ab 22. Februar. Gastspiel bei den Bregenzer Festspielen am 16. und 17. April.