Antisemitismusvorwürfe an die documenta

Kultur / 21.02.2022 • 20:44 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Alle fünf Jahre seit 1955 trifft sich die internationale Kunstwelt in Kassel, wo die documenta zeigt, was in der Kunst gerade aktuell ist. Die documenta war lange Zeit kulturelles Aushängeschild des neuen demokratischen Deutschlands. Seit geraumer Zeit schon aber trüben Verstrickungen der frühen documenta-Macher in den Nationalsozialismus das schöne Bild. So war einer der Verantwortlichen der ersten Stunde, der Kunsthistoriker Werner Haftmann, aktiv an der brutalen Bekämpfung des italienischen Widerstandes beteiligt.

Nun gerät die internationale Kunstschau erneut unter massive Kritik: In einem Blogbeitrag „Bündnis gegen Antisemitismus Kassel“ wird die Leitung der documenta15 – das indonesische Künstlerkollektiv Ruangrupa – des Antisemitismus bezichtigt. Der Vorwurf lautet, dass Künstler bzw. Gruppen eingeladen werden, die aggressiv Antisemitismus in Israel-Kritik verkleiden und mit ihrer Kunst eine antiisraelische Politik propagieren. So soll bei der Schau z.B. das palästinensische Künstlerkollektiv „The question of Funding“ gezeigt werden. Die Gruppe arbeitet in einem nach dem arabischen Nationalisten Khalil Al-Sakakini benannten Kulturzentrum. Sakakini war Anhänger des Nationalsozialismus und Adolf Hitlers und übernahm dessen Wahnidee einer „jüdischen Weltverschwörung“. Einer der Kuratoren unterschrieb gar einen Aufruf, der die israelische Palästinenserpolitik mit Apartheid, Massaker und Mord gleichsetzt. Darüberhinaus geht es um die politischen Positionen verschiedener zur documenta eingeladener Künstler mit Nähe zu radikalen Gruppen wie Grassroots Al-Quds, die sich zum BDS (Boycott, Divestment and Sanctions), also der Kampagne zur Zerstörung Israels durch den Boykott von Wissenschaftlern, Künstlern und Sportlern bekennt.

Selbstverständlich kann und darf auch Kritik an Israel geübt werden. Selbstverständlich ist es gerade Aufgabe der Kunst, ja Ausdruck ihrer künstlerischen Freiheit, kontroverse Debatten zu führen. Doch wenn Politik zur Kunst erklärt wird, dann muss sie sich auch an den Kriterien politischer Debatten messen lassen. Im von postkolonialem Geschwafel benebelten Kunstbetrieb ist es en vogue, in eindimensionaler Verzerrung der Tatsachen Israel „Faschismus“, ja sogar „Genozid“ an den Palästinensern vorzuwerfen. Doch wenn so einseitig gegen Israel gehetzt wird – der wohl einzigen funktionierenden rechtsstaatlichen Demokratie im Nahen Osten – und gleichzeitig der jahrzehntelange palästinensische Terror gegen Israel inklusive anhaltender Raketenüberfälle der Hamas unter den Tisch gekehrt werden, darf man sich nicht wundern, wenn der Verdacht auf Antisemitismus aufkommt.

Jedenfalls ist es nicht Aufgabe eines renommierten Kunstfestivals, Aktivisten, die den jüdischen Staat auslöschen wollen, eine Bühne zu gewähren. Schließlich hat doch der deutsche Bundestag im Zuge seiner historischen Verantwortung beschlossen, keine staatliche Finanzierung mehr für Unterstützer des BDS zu geben, da diese Bewegung den kulturellen Austausch mit israelischen Künstlern unterbinden will oder parallel künstlerische Aktivitäten fördert, die zum Boykott Israels aufrufen.

Es ist längst an der Zeit, dass das documenta-Team eine klare Stellungnahme zugunsten des Existenzrechtes von Israel abgibt, ansonsten wird die Kontroverse zum Skandal. Ein angekündigtes Symposium wird dieses Statement nicht ersetzen.

„Es ist längst an der Zeit, dass das documenta-Team eine klare Stellungnahme zugunsten des Existenzrechtes von Israel abgibt, ansonsten wird die Kontroverse zum Skandal.“

Gerald Matt

gerald.matt@vn.at

Dr. Gerald Matt ist Kulturmanager und unterrichtet an der Universität für Angewandte Kunst in Wien.