Ausbruch aus erdrückenden Moralnormen

Kultur / 23.02.2022 • 21:13 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Lotte de Beer leitet die Volksoper Wien. Sie hat auch in Bregenz inszeniert.
Lotte de Beer leitet die Volksoper Wien. Sie hat auch in Bregenz inszeniert.

Neben der „Jenufa“-Thematik fokussiert Lotte de Beer die intensive Auseinandersetzung mit Janácek.

wien, Bregenz Mit Lotte de Beer wird zumindest eines der großen Theaterhäuser in der Bundeshauptstadt von einer Frau geführt, die Regisseurin übernimmt die Leitung der Wiener Volksoper. Das Bregenzer Festspielpublikum hat sie von der außergewöhnlichen Inszenierung von Rossinis „Moses in Ägypten“ gut in Erinnerung. Beeindruckend war hier Stefan Herheims Umsetzung von Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“. Der Norweger wird im Herbst Chef des Theaters an der Wien, wo Lotte de Beers Neuinszenierung von Leos Janáceks „Jenufa“ nun vom Publikum gefeiert wurde.

Christof Hetzer bleibt bei der Bühne mit einem drehbaren Abbruchhaus des 19. Jahrhhundert konventionell, als Podium für eine feingliedrige Personenführung, aus der die Regisseurin die Geschichte entwickelt, eignet es sich allerdings bestens. Und mögen Schattenwürfe noch so oft zum Einsatz kommen – hier verflüchtet sich das Déjà-vu-Gefühl rasch zugunsten einer Dichte, die zum Ausdruck kommt, wenn die Geschichte von einem Kindsmord rückblickend von der Täterin erzählt wird, der Küsterin, die damit die Schande von ihrer Stieftocher Jenufa abwenden wollte. Dass dieser bereits der Ausbruch aus erdrückenden Moralnormen gelingen könnte, wird von der Alten nicht gesehen. Die Stärke der jungen Frau deutlich zu machen, die zu ihren Empfindungen für den verantwortungslosen Steva steht, zählt zu den großen Momenten in einem nur scheinbar althergebrachten Setting. Es verdeutlich auch Lotte de Beers intensive Auseinandersetzung mit der Musik, mit der authentischen Brünner Fassung aus dem Jahr 1908, die das RSO Wien unter Marc Albrecht aufblühen lässt und die den Sängern mehr Gestaltungsmöglichkeiten bietet.

Nina Stemme schöpft sie als Küsterin ebenso aus wie die junge Svetlana Aksenova in der Titelpartie sowie Pavol Breslik als Stava. Einen besonders nachwirkenden Eindruck hinterlässt diesbezüglich Pavel Cernoch (einst im Bregenzer „Hamlet“ bejubelt) als Laca.

Pavel Cernoch und Svetlana Aksenova in „Jenufa“ im Theater an der Wien. kmetitsch, APA/Payr
Pavel Cernoch und Svetlana Aksenova in „Jenufa“ im Theater an der Wien. kmetitsch, APA/Payr

Übertragung auf Ö1 am 26. Februar, 19 Uhr; weitere Aufführung von “Jenufa” am 24. 26. und 28. Februar im Theater an der Wien.