“Ich kann vieles nachvollziehen”

Kultur / 25.02.2022 • 22:20 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Das Drama orientiert sich an der Biografie von Thomas Gratt.
Das Drama orientiert sich an der Biografie von Thomas Gratt.

Benjamin Blaikner hat sich mit Thomas Gratt und der Palmers-Entführung beschäftigt.

Bregenz 2006, fast 30 Jahre nach dem Kriminalfall, ist der Dokumentarfilm „Keine Insel“ von Alexander Binder und Michael Gartner erschienen. Er behandelt die Entführung von Walter Michael Palmers im November 1977 in Wien, die mit der Freilassung des unverletzten Industriellen nach der Zahlung eines Lösegeldes von rund 31 Millionen Schilling und der Verhaftung einiger der Täter endete. Darunter war auch der aus Vorarlberg stammende Student Thomas Gratt. Wenn das Theater Kosmos nun die Uraufführung des Dramas „Die Entführung des Thomas G.“ anbietet, geht es nicht um eine weitere Dokumentation der Ereignisse, die Initiierung des Textes bzw. das Auftragswerk unterstreicht die Frage nach dem guten, richtigen oder falschen Leben, die die Theaterleiter Hubert Dragaschnig und Augustin Jagg heuer aufwerfen und bei der sie auch Ideologien begegnen wollen. Der aus Salzburg stammende Autor und Regisseur Benjamin Blaikner ist darauf eingestiegen.

Sein Stück orientiere sich an der Biografie von Thomas Gratt (dessen Name nie vorkommt, die auftretenden Personen sind ein Er und zwei Frauen), habe aber keine strenge Chronologie, auch wenn sich der Bogen von der Jugend, der Entführung, dem Gefängnis, dem Leben draußen bis zum Suizid spannt, den Gratt als Fünfzigjähriger unternahm, erklärt Blaikner. Einer Person gerecht zu werden, über die man nicht viel weiß, war sein Ziel. Er hat, wie er erzählt, viel mit der Schwester von Thomas Gratt gesprochen, die ihm sehr offen begegnet sei, und Texte gelesen, die Gratt noch während der 13-jährigen Haft und danach verfasst hatte.

Diskussionsimpulse

„Ich kann vieles nachvollziehen“, sagt Benjamin Blaikner und bezieht dies auf die Auseinandersetzung mit Eigentumsverhältnissen in der Welt. Er wäre vermutlich auch zu Demonstrationen gegangen. Thomas Gratt sei ein junger Student gewesen und politisch engagiert wie viele seiner Kollegen. Der ausschlaggebende Punkt sei aber, wie es zu einer Radikalisierung kommen konnte. Hier geht Blaikner davon aus, dass diese sehr schnell erfolgte. Die Mitgliedschaft bei der „Bewegung 2. Juni“, einer linksextremen Vereinigung, die sich auf den Todestag von Benno Ohnesorg, einem bei einer Demo gegen den Staatsbesuch von Schah Reza Pahlevi erschossenen Pazifisten bezog, die ersten Treffen, die Entführung – das alles habe sich innerhalb kurzer Zeit ereignet. Aus dem erwähnten Dokumentarfilm geht hervor, dass die österreichischen Mitglieder dieser Bewegung quasi als Geldbeschaffer eingesetzt waren. 

Bekannt ist, dass ein großer Teil des Lösegeldes nie gefunden wurde bzw. dass beteiligte Terroristinnen damit untergetaucht sind. Frauen lässt Benjamin Blaikner in seinem Drama nicht als konkrete Figuren auftreten, sondern als eine Art Phänomen oder als fordernde Fragenstellerinnen. Es gibt in diesem Drama aber auch eine Figur, die reflektiert, die Vorgänge hinterfragt. Es gibt Verweise auf die klassische Literatur, Texte von Gratt und auch, wie Blaikner betont, Diskussionsimpulse für junge Menschen, die auf der Suche sind.

„Für mich war der Punkt spannend, an dem die Radikalisierung beginnt.“

Autor Benjamin Blaikner:

Autor Benjamin Blaikner: “Ich möchte Fragen aufwerfen.”

Das Stück „Die Entführung des Thomas G.“ (im Bild ist eine Szene aus der Inszenierung) wurde von Hubert Dragaschnig, Leiter des Theaters Kosmos, angeregt. VN/Hartinger
Das Stück „Die Entführung des Thomas G.“ (im Bild ist eine Szene aus der Inszenierung) wurde von Hubert Dragaschnig, Leiter des Theaters Kosmos, angeregt. VN/Hartinger

Die Premiere von “Die Entführung des Thomas G.” findet am 26. Februar, 20 Uhr, im Theater Kosmos in Bregenz statt. Weitere Aufführungen bis 19. März: theaterkosmos.at