Haben soziale Errungenschaften verspielt

Kultur / 27.02.2022 • 19:54 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Torsten Hermentin neben einem projizierten Porträt von Gratt.
Torsten Hermentin neben einem projizierten Porträt von Gratt.

Brisantes Drama „Die Entführung von Thomas G.“ wurde vom Publikum im Theater Kosmos gut aufgenommen.

Bregenz Der „neoliberalen Kampfökonomie auch eine Ethik entgegenzustellen“, ist eine Absicht, die das Theater Kosmos laut Hubert Dragaschnig, einem der Leiter, mit dem aktuellen Programm verfolgt, in dem die Frage, was denn ein gutes Leben sei, im Fokus steht sowie die Vergangenheit und Zukunft des Sozialismus bzw. der Linken behandelt werden. Ein erster Akt war die Auftragsvergabe eines Stücks an den Salzburger Autor Benjamin Blaikner, der sich bereits einmal mit der RAF befasste. Thomas Gratt, jener Vorarlberger Student, der im Jahr 1977 an der Entführung des Industriellen Walter Palmers beteiligt war, stand bislang noch nicht in seinem Blickfeld. Recherchen zum Fall, die Beschäftigung mit den literarischen Texten von Thomas Gratt, der 13 Jahre Haft verbüßte, nie ein Gnadengesuch stellte, danach schriftstellerisch und in einem Umweltbüro tätig war und 2006 Selbstmord verübte, sowie Gespräche mit dessen Schwester führten schließlich zum Drama „Die Entführung des Thomas G.“ Dabei konzentrierte sich Blaikner, wie er gegenüber den VN ausführte, auf die Frage, was denn eine Radikalisierung bzw. die Entscheidung zum Schritt in die Illegalität auslöst.

Debatteneinstieg

Die Antwort dazu gibt das rund 75 Minuten dauernde Stück nicht konkret. Es wurde bei der Uraufführung am Samstagabend in Bregenz vom Publikum gut aufgenommen und streift die Vorfälle so vielschichtig, dass es eine guten Debatteneinstieg bietet. Damit ist viel erreicht und viel getan. Blaikner lässt auch bei der Thematisierung der deutschen Auftraggeber, für die die Entführung ein Geldbeschaffungsakt war, keinen Verweis auf eine Fanatisierung zu, und er vermeidet eine voyeuristische Perspektive, obwohl dies sehr schwierig ist. Denn es liegt wohl auf der Hand, dass das Beispiel Thomas Gratt gewählt wurde, um das Interesse an der Thematik zu erhöhen. Der Fall liegt bereits 45 Jahre zurück, schlug in Österreich zwar hohe Wellen, wurde in der Öffentlichkeit aber erst 2006 durch den Dokumentarfilm „Keine Insel“ von Alexander Binder und Michael Gartner aus mehreren Perspektiven so beleuchtet, dass dies einer Auseinandersetzung mit den Hintergründen und Motiven der Tat entsprechen konnte. In einem damaligen Interview mit der Tageszeitung „Die Presse“ erzählte Gratt von einem Lateinprofessor und FPÖ-Landtagsabgeordneten in Vorarlberg, der ehemals SS-Sturmbannführer war. Auch das habe zu seiner Politisierung geführt.

Das Stück verbleibt diesbezüglich im Allgemeinen – soziale Ungerechtigkeit und fragwürdige Autoritäten sind die Angriffspunkte. Gratt hatte sich der linksextremen Bewegung 2. Juni angeschlossen, die sich nach dem Todestag des bei einer Demo von einem Polizisten erschossenen Benno Ohnesorg benannte. Die Rolle der Drahtzieher bei der Planung der Palmers-Entführung weist Blaikner Frauen zu, die für ein Ausbrechen aus einem „verkommenen Frauenbild und der Unterdrückung“ plädieren, was dem jungen Mann logischerweise sympathisch sein musste.

Des Weiteren lässt sich der Text, den Benjamin Blaikner selbst inszenierte, als übereinandergelegte Folien erfahren, auf denen mehreres aufscheint: Zum Beispiel einigermaßen chronologisches Selbstreflexives („Ich kann nicht zusehen, wie unsere Gesellschaft geistig, kulturell und moralisch zugrunde geht“), Erläuterungen zur Tat („Du warst der Trottel vom Dienst, nicht einmal in die Planung involviert“) und Erkenntnissen lange danach („Wir haben alle sozialen Errungenschaften mit der Freude eines Casino-Gehers verspielt“).

Abwesenheit von Solidarität

Die Bühne ist eine Art Zelt, das auch als Projektionsfläche für Licht- und Videosequenzen (unter anderem mit einem Porträt von Gratt) dient, symbolisch hängen schwere Ketten von der Decke, die Musik von Jonatan Szer erhöht den Performance-Charakter. Torsten Hermentin, Sonja Kreibich und Agnieszka Wellenger meistern den Wechsel zwischen den zwar fassbaren, aber nie exakt definierten Spielfiguren und erzählerischen Momenten so perfekt, dass auch dann keine Durchhänger entstehen, wenn sich Blaikner in reinen Überlegungen ergeht. Was nachwirkt, ist einerseits ein Bild von einer weitgreifenden Abwesenheit von Solidarität in der Gesellschaft, was sich offenbar kaum noch ändern lässt und ein kleiner Einblick in die Gedanken, die sich ein Mensch darüber machte.

Eine Wertung von Letzterem strebt das Stück „Die Entführung des Thomas G.“ nicht an. Das ist wohl gut so, auch wenn es den spekulativen Titel damit gleich wieder in Frage stellt.

Die „Entführung des Thomas G.“ ist ein Auftragswerk des Theaters Kosmos von Benjamin Blaikner. VN/HK
Die „Entführung des Thomas G.“ ist ein Auftragswerk des Theaters Kosmos von Benjamin Blaikner. VN/HK

Weitere Aufführungen vom 3. bis 19. März: theaterkosmos.at Diskussion mit Konrad Paul Liessmann und Michael Köhlmeier am 6. März im Theater Kosmos in Bregenz.