Scheinehen als letzter Rettungsanker

Kultur / 07.03.2022 • 09:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Das Frauenmuseum Hittisau hat die am Sonntag eröffnete Ausstellung „Verfolgt, verlobt, verheiratet“ vom Jüdischen Museum in Wien übernommen und adaptiert.  <span class="copyright">VN/cd</span>
Das Frauenmuseum Hittisau hat die am Sonntag eröffnete Ausstellung „Verfolgt, verlobt, verheiratet“ vom Jüdischen Museum in Wien übernommen und adaptiert.  VN/cd

In der Ausstellung “Verfolgt, verlobt, verheiratet” wird vom Schicksal bedrohter und ermordeter Frauen erzählt.

Hittisau Hilda Meisel, geboren im Jahr 1914 in Wien, hatte sich angesichts der Not vieler Menschen schon in jungen Jahren etwa im Internationalen sozialistischen Kampfbund politisch engagiert. Sie arbeitete in London unter dem Namen Hilda Monte publizistisch und rief zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus auf. Als Jüdin und Sozialistin gefährdet, heiratete sie den Künstler John Olday und bekam einen britischen Pass. Vor der Ermordung konnte sie sich mit dieser Scheinehe mit einem Mann mit homosexueller Orientierung allerdings nicht schützen, sie nahm unter anderem Kontakte zu Widerstandskämpfern in Frankreich und Österreich auf, kam dabei auch nach Vorarlberg und wurde bei ihrer Rückkehr in die Schweiz am 17. April 1945, wenige Tage vor Kriegsende, an der Grenze Feldkirch-Tisis erschossen. Da ihre Papiere auf Eva Schneider lauteten, begrub man sie auf dem evangelischen Friedhof in Feldkirch. Die wahre Identität wurde erst einige Jahre später erhoben. Hilda Montes mutiger Kampf gegen ein Unrechtsregime ist eine von vielen tragischen und ernüchternden Geschichten, die in der am Sonntag eröffneten Ausstellung “Verfolgt, verlobt, verheiratet” im Frauenmuseum in Hittisau erzählt werden.

Zwölf Biografien sind aufgelistet, dazu sind Filmdokumente zu sehen sowie persönliche Gegenstände.
Zwölf Biografien sind aufgelistet, dazu sind Filmdokumente zu sehen sowie persönliche Gegenstände.

So wie jene von Elisa Springer, die in Wien aufwuchs und deren Eltern als Juden verfolgt und ermordet wurden, sind es Dokumente gegen das Vergessen, die uns unmittelbar betreffen. Springer verschaffte sich durch die Heirat mit einem Italiener eine neue Identität, wurde aber verraten und durchlitt in mehreren Konzentrationslagern das Grauen der NS-Vernichtungsmaschinerie. Erst Jahrzehnte später konnte sie darüber sprechen und veröffentlichte ihre Erinnerungen.

Zwölf Biografien

Persönlichen Objekten aus dem Besitz von verfolgten und ermordeten jüdischen Frauen bzw. von jenen, die sich im Exil vor den Nationalsozialisten retten konnten, sowie filmischen Dokumenten – etwa aufgezeichnete Interviews – und den Auflistungen von biografischen Daten inklusive der Fluchtwege ist in Hittisau zu begegnen, wo die von Irene Messinger und Sabine Apostolo für das Jüdische Museum in Wien kuratierte Ausstellung adaptiert wurde. Dazu zählen Kleidungsstücke oder etwa ein gemaltes Porträt von Anna Friedler (1914-2004). Der verfolgten Wienerin stand in der Not ein Franzose bei. Es wurde rasch geheiratet, als Anna Maugis überlebte sie in Lyon, lernte dort einen untergetauchten Österreicher kennen und konnte nach dem Krieg ihre Scheinehe auflösen. Insgesamt zwölf Biografien sind in Hittisau aufgelistet.

Hilda Monte wurde im April 1945 an der Grenze Feldkirch-Tisis ermordet.
Hilda Monte wurde im April 1945 an der Grenze Feldkirch-Tisis ermordet.

Wie viele Frauen versuchten, sich mittels einer Scheinehe zu retten, ist schwer zu benennen. Erforscht werden konnte, dass die Männer entweder dafür bezahlt wurden, dass die Heirat beispielsweise dazu dienen konnte, eine Homosexualität zu verschleiern oder dass sie aus Mitgefühl handelten. Mitunter barg der Schritt, der den Frauen nach damaliger Gesetzeslage einen neuen Namen und oft eine neue Staatsbürgerschaft verschaffte, aber ein besonderes Risiko, denn Scheinehen wurden durchaus geahndet, und die Tänzerin Stella Mann (1912-2013) berichtete offen, dass sie keine Möglichkeit hatte, sich gegen sexuelle Nötigungen zu wehren. Ihr gelang die Flucht nach Belgien und England, wo sie eine Schule gründete. Die Scheinehe von Stella Kadmon (1902-1989) wurde enttarnt, in letzter Sekunde gelang ihr die Flucht nach Palästina, 1947 kehrte sie nach Wien zurück und gründete das Theater der Courage. Alma Rosé (1906-1944) rettete die 1942 eingegangene Scheinehe nicht, die Violinistin (Mitglied des Rosé-Quartetts, Tochter des Philharmonikers Arnold Rosé und Nichte von Gustav Mahler) wurde in Frankreich verhaftet, nach Auschwitz deportiert, leitete dort ein Orchester und kam im KZ ums Leben.

Die Ausstellung “verfolgt, verlobt, verheiratet” ist im Frauenmuseum in Hittisau bis 30. Oktober 2022 zu sehen, Di bis So, 10 bis 17 Uhr.