Zu Herzen gehendes, beispielhaftes Opernprojekt

Kultur / 15.03.2022 • 16:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Zu Herzen gehendes, beispielhaftes Opernprojekt
„‘L’Olimpiade‘ – Arien von Giovanni Battista Pergolesi und Dokumentarfilm“ ist ein besonderes Kleinod. Oper/Prammer

Oper Zürich zeigt Pergolesis „L’Olimpiade“, erstellt von David Marton und der Filmemacherin Sonja Aufderklamm.

ZÜRICH Geplant war ein gewöhnliches Barockopernprojekt mit Regisseur David Marton. Die Besetzung war engagiert, das Bühnenbild entworfen. Dann grätschte das Corona-Virus dazwischen. Jedenfalls: Was jetzt im Programmkalender des Opernhauses Zürich angezeigt wird mit „‘L’Olimpiade‘ – Arien von Giovanni Battista Pergolesi und Dokumentarfilm“ ist ein zu Herzen gehendes Musiktheater-Experiment, ein besonderes Kleinod.

Regisseur David Marton und Filmemacherin Sonja Aufderklamm haben für „L’Olimpiade“ betagte Menschen besucht und ihnen Pergolesi vorgespielt. <span class="copyright">Oper/Prammer</span>
Regisseur David Marton und Filmemacherin Sonja Aufderklamm haben für „L’Olimpiade“ betagte Menschen besucht und ihnen Pergolesi vorgespielt. Oper/Prammer

Marton und die österreichische Filmemacherin und Kamerafrau Sonja Aufderklamm haben alte Menschen besucht, ihnen Pergolesi vorgespielt und sie zu ihrem Leben und zur Musik befragt. Die naheliegende und berechtigte Frage ist nun, was dies mit den zu Gehör gebrachten Arien der 1735 in Rom uraufgeführten Opera seria „L’Olimpiade“ zu tun hat. Die Antwort: fast nichts und sehr viel zugleich. Fast nichts in dem Sinne, dass die Erzählungen und Kommentare der Frauen und Männer natürlich nicht die Dreiecks-Liebesgeschichte des Opernlibrettos nachbuchstabieren. Sehr viel deshalb, weil das, was im Dokumentarfilm alles zu gelebtem und ungelebtem Leben geäußert wird, den amourösen Plot gewissermaßen in sich einschließt.

<span class="copyright">Oper/Prammer</span>
Oper/Prammer

Wir beobachten immer wieder in Detailaufnahmen die Seniorinnen und Senioren zum Beispiel beim Kreuzworträtsellösen, Kochen, Betrachten alter Fotos oder beim heldenhaften Versuch, den Körper von einer Sitzposition aus hochzustemmen. Und nicht nur, wenn es um eine Hut-Anprobe geht, um Körperertüchtigung oder wenn welk gewordene Finger über die leeren Saiten einer längst nicht mehr gespielten Geige streichen, wird das Geschehen von einer zärtlich getönten Melancholie grundiert.

<span class="copyright">Oper/Prammer</span>
Oper/Prammer

Das wegen Corona nicht fertig gebaute Bühnenbild (Christian Friedländer) tritt in einen poetisch schwebenden stummen Dialog mit dem Geschehen auf der Leinwand unter anderem durch den Prospekt, der ein Altmeister-Gemälde von der Schlacht des Olymps mit den Giganten zeigt. Und bewegende Momente entstehen dadurch, dass die jüngeren Menschen auf der Bühne sich immer wieder zu den alten Menschen im Film hinwenden, plötzlich sogar die zarte Berührung mit einem Finger suchen. Die Musik des 1736 im Alter von nur 26 Jahren verstorbenen Komponisten Pergolesi zu diesem speziellen Senioren-Projekt ist ungemein affektstark und enthält auch vital pulsierende bewegte Strecken, die nochmals für eine spannende Dialektik sorgen.

Die fünf Sängerinnen und zwei Sänger – darunter so reputierte Künstlerinnen wie Anna Bonitatibus und Vivica Genaux – überzeugen nicht bloß mit staunenswerter Technik, sondern laden die Noten auch mit Emotionen prall auf. Das Orchestra La Scintilla unter dem Pergolesi-Spezialisten Ottavio Dantone spielt mit motorischem Drive und einer hinhorchenden Sorgfalt für die lyrischen Schönheiten. Torbjörn Bergflödt

Weitere Vorstellungen von „L’Olimpiade“ (2 Std.) vorläufig am 16. und 19. März.

www.opernhaus.ch