Mehr als das freie Auge sieht

Kultur / 01.04.2022 • 20:45 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Im Zentrum der Sammlung Reinhart steht Kunst des 19. Jahrhunderts, Cranach-Sonderschau u. a. mit „Johannes Cuspinian“, „Hl. Hieronymus“, „Anna Cuspinian“.reinhart, KHM, Schälchli
Im Zentrum der Sammlung Reinhart steht Kunst des 19. Jahrhunderts, Cranach-Sonderschau u. a. mit „Johannes Cuspinian“, „Hl. Hieronymus“, „Anna Cuspinian“.reinhart, KHM, Schälchli

Cranachs Anfänge begeistern vor Wien in der Region bei der Sammlung Oskar Reinhart.

Winterthur Jagen Eulen auch am Tag? Mit freiem Auge betrachtet, fällt es kaum auf, dass sich Lucas Cranach auf dem „Bildnis des Dr. Johannes Cuspinian“ auch einem Raubvogel mit Beute widmete. Besuchern der noch bis Mitte Juni laufenden Ausstellung „Cranach. Die Anfänge in Wien“ in der Sammlung Oskar Reinhart „Am Römerholz“ in Winterthur wird die Entdeckung leicht gemacht, enorme Vergrößerungen bilden neben der Auseinandersetzung mit den Originalen das Highlight dieses Projektes. Es ist überhaupt einer besonderen kuratorischen Initiative zu verdanken, dass Lucas Cranach dem Älteren (1472-1553) nun derart in diesem Ostschweizer Museum zu begegnen ist.

Die Wiener müssen etwas warten, im Kunsthistorischen Museum, das einige Arbeiten aus dem Frühwerk in die zur Schausammlung ausgebauten Villa in Winterthur lieferte und sich maßgeblich an der Herausgabe eines großartigen Katalogbuches beteiligte, wird Cranachs Frühwerk erst im Sommer thematisiert. Bedeutende Zeugnisse aus dieser Epoche hielt man in einem Renaissanceraum „Am Römerholz“ stets parat. Neben den Cuspinian-Bildnissen von Cranach sind das etwa „Die Anbetung der Heiligen Drei Könige im Schnee“ von Peter Bruegel dem Älteren und ein Frauenbildnis von Hans Holbein dem Jüngeren. Die Reinhart-Sammlung (von der ein großer Teil auch dem Kunstmuseum Winterthur übergeben wurde) mit der französischen Kunst des 19. Jahrhunderts in Verbindung zu bringen, ist nicht falsch, neben den Renoirs, Cézannes, Manets, interessanten Porträts von Géricault und relativ umfangreichen Einblicken in das Schaffen von Eugène Delacroix dürfte Cranach der Ältere in diesem Frühjahr aber ein ausdrückliches Motiv für einen Besuch sein.

Kontakte zu Humanisten

Zudem gibt es für jene, die sich mit den Schriften des aus Feldkirch stammenden Mathematikers, Theologen, Kartografen, Astronomen und Astrologen Georg Joachim Rheticus befassen, interessante Anknüpfungspunkte zum Werdegang Cranachs. In Kronach geboren, hatte der Maler schon in frühen Jahren Kontakte zu Humanisten und Reformern geknüpft. Während die Zeit in Wittenberg und Weimar sowie die Begegnung mit Luther gut dokumentiert ist, liegt nun der Fokus auf den Anfängen um 1500 in Wien, wo Maximilian I. die Aufmerksamkeit der Künstler (nicht zuletzt auch Albrecht Dürers) auf sich zog. Gute Einblicke in die Entwicklung Cranachs bietet das damals entstandene grafische Werk mit seiner Detailvielfalt und der besonderen Handschrift, was die Befassung mit der Physiognomie der Abgebildeten in den überwiegend religiösen Bildsujets betrifft.

Das Bildnis „Büßender Hl. Hieronymus“ (1502) wurde Cranach erst Anfang des 20. Jahrhunderts zugeschrieben. Die Lebendigkeit des Ausdrucks und die Dynamik der Szene, die sich auch aus der Landschaft im Hintergrund ergibt, stehen in Verbindung mit den zentralen Ausstellungsstücken, nämlich mit dem erwähnten Dr. Cuspinian und dem Bildnis seiner Gattin Anna. Der Humanist, Dichter und Diplomat wird bei Cranach zum selbstbewusst in die Zukunft blickenden Mann mit einem großen Buch als Attribut. Aber auch Annas Haltung zeugt von Selbstbestimmung. Zahlreiche Miniaturszenen birgt der Hintergrund. Abgesehen von der erwähnten Eule ermöglichen die Vergrößerungen, die in der Ausstellung (ähnlich wie bei der sensationellen Bruegel-Schau in Wien) geboten werden, Einblicke in Bade- oder Liebesszenen, in Alltagsbeschäftigungen und in eine Fauna, der Cranach mit einem Papagei Vielfalt verlieh, als gelte es der Beengtheit damaliger Lebensentwürfe zu entfliehen.

Mehr als das freie Auge sieht
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Geöffnet in der Sammlung Oskar Reinhart “Am Römerholz” in Winterthur bis 12. Juni, Di bis So, 10 bis 17 Uhr, Mi bis 20 Uhr, Karfreitag geschlossen: www.roemerholz.ch

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