Spiel mir das Lied von der Kugel

Kultur / 01.04.2022 • 18:34 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die von Judith Reichart kuratierte Ausstellung ist fast so etwas wie ein Heimspiel für Heike Weber. vn/paulitsch
Die von Judith Reichart kuratierte Ausstellung ist fast so etwas wie ein Heimspiel für Heike Weber. vn/paulitsch

Eine interaktive, raumfüllende Soundskulptur von Heike Weber und Walter Eul macht das Magazin 4 wieder zum Ausstellungshaus.

BREGENZ Wunderschön anzusehen, harmonisch im Ohr und dann auch noch vergnüglich selbst aktiv zu gestalten: Die Soundskulptur „Die Welt ist Klang“, die das deutsche Künstlerpaar Heike Weber und Walter Eul im Bregenzer Magazin 4 realisiert hat, spricht gleich mehrere Sinne an und ist einfach nur großes Kino.

Die ursprünglich für den vergangenen Herbst geplante, von Judith Reichart kuratierte Ausstellung ist fast so etwas wie ein Heimspiel für Heike Weber. Ziemlich genau 20 Jahre nach ihrem ersten Auftritt in der Gruppenausstellung „Vertigo“ im Magazin 4 und zwischenzeitlichen Ausstellungen in der Galerie Lisi Hämmerle sowie im Künstlerhaus kehrt die 1962 geborene Künstlerin, die durch ihre technisch außergewöhnlichen, großflächigen Raumzeichnungen bekannt geworden ist, ins Pircherareal zurück.

Der Klang der Welt

Mit Walter Eul (geb. 1967), der ein Informatik- und Kunststudium absolviert und sich der ortsspezifischen, partizipatorischen Malerei im großen Format verschrieben hat, hat sich Heike Weber ihren Partner im Leben und ihren Verbündeten und Seelenverwandten in Sachen Kunst ins Boot geholt. Die beiden verstehen sich zwar als Solokünstler, kollaborieren aber bereits seit längerer Zeit immer wieder für großangelegte, spektakuläre Kunst-und-Bau-Projekte, wo sie sich mit ihren unterschiedlichen Zugängen perfekt ergänzen. Ihre aktuelle Installation „Die Welt ist Klang“ im Magazin 4 ist indes erst ihre zweite gemeinsame Ausstellung in einem Kunstraum. Der Titel ist ein Zitat und bezieht sich auf die These von der Eigenschwingung eines jeden Dinges des deutschen Musikjournalisten und -produzenten Joachim Ernst Berendt, der dem Klang der Welt auf der Spur war.

Die Installation von Weber und Eul besteht aus zwei Teilen, die sich in der Gesamtsicht zu einem großen Ganzen verschränken. Hauptakteur ist eine mäandernde Endlosschleife aus 150 hängenden, berührungsempfindlichen Edelstahlkugeln, die den ganzen Raum einnimmt. Jede der Kugeln, die auf Berührung oder auch schon auf bloßes Näherkommen der Hände reagieren, ist mit einem eigenen Soundfragment, Klavierklängen, Tönen oder kurzen Sätzen des antiken Philosophen Seneca belegt. Sämtliche Fragmente stammen aus einer für diesen Zweck dekonstruierten Gesamtkomposition von Walter Eul, der auch für die gesamte Programmierung und Elektronik verantwortlich zeichnet.

Linie im Raum

Durch ihre Interaktion mit den stählernen „Spielbällen“ werden die Besucherinnen und Besucher zu Dirigenten. Der Clou ist die rhythmische Abstimmung der einzelnen Sequenzen, die auch in ständig wechselnden Abfolgen und neuen Kombinationen stets harmonisch bleiben und für Wohlklang sorgen, statt Kakophonie oder Chaos erklingen zu lassen. Die Kugeln, so Eul, seien wie ein Instrument zu spielen, bei dem es keine falschen Töne gibt. Musikalische Inspiration für sein Sounddesign findet der Künstler in seiner seit vielen Jahren zusammengetragenen Sammlung von Synthesizern. Für Heike Weber definiert sich der zeichnerische Aspekt, der die Basis ihrer meist raumgreifenden Arbeiten bildet, als in die Dreidimensionalität überführte „Linie im Raum“.

Eine ebenso runde und visuell betörende, aus nächster Sicht gar leicht narzisstische Sache ist die zweite Komponente der Ausstellung. Dabei handelt es sich um nicht weniger als 4896 kostbare, mundgeblasene, kleine Hohlglaskugeln, die jede einzeln in strengem Raster „aufgespießt“, die rückseitige Wand des Raumes besetzen. Was aus der Ferne wie eine Ansammlung irisierend schillernder und fragil-unangreifbarer Seifenblasen aussieht, spiegelt den unmittelbar davorstehenden Betrachter irritierenderweise einmal konkav und dann wieder konvex, da die Kugeln punktuell spiegelbedampft sind. Der Verführung nicht genug, erzeugt die Projektion von Videomaterial aus dem privaten und künstlerischen Filmpool von Heike Weber und Walter Eul auf die derart zu Pixeln werdenden Glaskugeln bei Tageslicht ein Flackern, das sich in der Dunkelheit zu Bildern intensiviert, ohne einen inhaltlich-narrativen Aspekt zu verfolgen.

Durch die Interaktion mit den Bällen werden Besucherinnen zu Dirigenten.
Durch die Interaktion mit den Bällen werden Besucherinnen zu Dirigenten.

Die Ausstellung ist im Magazin 4, Bergmannstraße 6, Bregenz, bis 26. Juni geöffnet, Di bis So von 14 bis 18 Uhr.

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