Sprachwitz als Lebenselixier

Kultur / 01.04.2022 • 20:58 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Rudi Spring ist in mehreren Hundert Werken fast aller Gattungen seinem Personalstil treu geblieben und schuf ein umfassendes Œuvre.Spring
Rudi Spring ist in mehreren Hundert Werken fast aller Gattungen seinem Personalstil treu geblieben und schuf ein umfassendes Œuvre.Spring

Das Schaffen des gebürtigen Lindauers Rudi Spring ist eng mit Vorarlberg verknüpft.

MÜNCHEN Er gehört zu den interessanten deutschen Komponisten der Gegenwart. Rudi Spring ist in mehreren Hundert Werken fast aller Gattungen seinem Personalstil treu geblieben und schuf ein umfassendes Œuvre. Für ihn gehören die schöpferische Tätigkeit als Komponist, die ausübende als Pianist und die vermittelnde als Hochschullehrer und Dirigent zusammen, durchdringen und befruchten sich wechselseitig. Eben wurde eine Biografie mit Werkschau präsentiert.

 

Sie sind zwar in Lindau geboren, Vorarlberg und dessen Musikszene hat aber in Ihrer musikalischen Laufbahn eine wichtige Rolle gespielt.

SPRING Ich wohnte im Stadtteil Aeschach. Dort war der aus Vorarlberg stammende Günther Fetz Organist an der katholischen Kirche. Ab Herbst 1975 beschloss ich, bei ihm in Bregenz Orgel-Unterricht zu nehmen.

 

Sie haben sich gerade an der Orgel schon damals als genialer Improvisator hervorgetan?

SPRING Das Improvisieren war mir jedenfalls in meiner Jugendzeit deutlich näher und wichtiger als das Üben. Heute ist es extrem umgekehrt.

 

Entscheidend war dann wohl, dass Sie als 14-Jähriger am Konservatorium Bregenz vom damaligen Direktor Aldo Kremmel unterrichtet wurden.

SPRING Ja, mein prägender Lindauer Lehrer Alfred Kuppelmayer, der mich in Klavier, Musikgeschichte, Analyse, Tonsatz und Komposition unterrichtet hat, meinte, dass er mir am Klavier nichts mehr beibringen könnte und schickte mich direkt zu Aldo Kremmel.

 

Das Konservatorium Bregenz war ein Politikum um den Standort zwischen dem Bregenzer Bürgermeister Mayer und Landeshauptmann Keßler. Wie haben Sie das als Student empfunden?

SPRING Ehrlich gesagt habe ich davon meist nur indirekt Kenntnis genommen. Nie zuvor und nie mehr danach habe ich in meinem Leben derart viele Telegramme bekommen, immer von Aldo Kremmel, immer mit dem Text „Klavierstunde muss leider entfallen“. Immer aus demselben Grund. Weil es wieder mal politisch brannte und er zu einer Dringlichkeitssitzung gerufen wurde.

 

Damals sind auch Ihre ersten Kompositionen entstanden, noch in einer frühen Rock-Pop-Phase und angesiedelt zwischen Bach und
Beatles in einer doch etwas gewagten Mischung.

SPRING Es mag angeberisch klingen, aber die Integration der Pop- und Rockmusik war schon eine der „späteren“ Phasen und die, welche die Beziehung zu meinem Lehrer Alfred Kuppelmayer an den Rand des Abbruchs manövriert hat. Komponiert habe ich seit meinem 6. Lebensjahr, immer in Stilkopien, aber durchaus mit Ausdrucksbedürfnis. Mit 14 war ich am Grat Freitonalität/Atonalität angelangt, mit einer Passacaglia für Klarinette und Klavier. Da war der Einbruch der Rock- und Popmusik wirklich der radikalst denkbare Einschnitt.

 

Sie haben dort auch so prominente Lehrer wie Alois Brandhofer und Heinrich Schiff kennengelernt, später mit ihnen musiziert und für sie komponiert.

SPRING Für den charismatischen Violoncellisten Heinrich Schiff entstand auf seine ausdrückliche Aufforderung hin 1979 das erste heute noch „zählende“ Werk, die damals dreisätzige „Sonatine für Violoncello und Klavier“, Opus 1. Wir haben die Urfassung 1980 in Linz zusammen uraufgeführt.

 

Auch mit dem ORF Dornbirn verband Sie eine enge Zusammenarbeit. Es entstanden Studioproduktionen.

SPRING Einen meiner ersten Aufträge erhielt ich 1982 vom ORF-Studio Dornbirn, allerdings ohne Honorar. Es sollte ein Werk für das Vorarlberger Kammerorchester und seinen Dirigenten Christoph Eberle werden.

 

Das waren Ihre „Fantasien nach einer alten irischen Weise“, die vielen im Ohr geblieben sind?

SPRING Genau. Ich komponierte das Stück in einer Hütte an einem See in Südnorwegen. Die Uraufführung erfolgte in der vorgesehenen Besetzung. Im Laufe der 1980er- Jahre nahm dann das SOV mit Christoph Eberle als Chefdirigent Gestalt an. Ich revidierte das Werk für die große Streicherbesetzung, und so wurde es 1989 erneut aufgeführt und vom ORF als Studioproduktion realisiert.

 

2004 kam es dann zu einem „echten“ Auftrag aus Vorarlberg.

SPRING Der von der Landesbibliothek engagierte Beauftragte einigte sich zum 100-jährigen Bestehen des Hauses mit mir auf die Besetzung zwei Singstimmen und sieben Instrumentalisten. Das Ensemble Plus wurde engagiert, und ich dirigierte die Uraufführung sowie die ORF-Produktion der gut 20 minütigen, dreisätzigen Kantate „Der Geist weht, wo er will“, op. 80. Dieses Motto war Vorgabe der Bibliothek, die Text-Auswahl blieb mir überlassen.

 

Wenn man Ihre Zeitgenossen über Rudi Spring befragt, kommt neben Ihrer kompositorischen Begabung auch immer Ihre besondere Art von Humor ins Spiel, nie verletzend, aber stets von intellektuellem Sprachwitz geprägt. Für Sie so eine Art Lebenselixier?
SPRING Durchaus.

Zur Person

RUDI SPRING

GEBOREN 1963 in Lindau, lebt in München

AUSBILDUNG ab dem 11. Lebensjahr Unterricht in Klavier, Analyse und Komposition, ab 14 am Konservatorium Bregenz

TÄTIGKEIT intensive kompositorische Tätigkeit für Chor, Orchester, Kammermusik, Lieder, Popularmusik; Lehrauftrag an der Musikhochschule München

AUSZEICHNUNGEN Internationaler Bodensee-Kulturpreis, Kulturpreis der Stadt Lindau, Feldkircher Kulturpreis

FAMILIE verheiratet, zwei Söhne

Rudi Spring – Komponist, Pianist, Pädagoge; Biografie, Hg. Bernd Oberdorfer, Kilian Sprau, Wolfgang Steger, Allitera-Verlag München

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