Endlich in Vorarlberg: “Beauty”-Projekt von Stefan Sagmeister

Kultur / 08.04.2022 • 11:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Endlich in Vorarlberg: "Beauty"-Projekt von Stefan Sagmeister
Die Ausstellung “Beauty” von Stefan Sagmeister und Jessica Walsh thematisiert die Schönheit in Architektur, Städtebau und Design. VN/Hartinger

Ein schöner Beweis, dass die Diskussion über Schönheit notwendig ist.

Bregenz Innerhalb von vier Jahren lässt sich keine Bahntrasse verlegen und auch die Sichtachsen zur Uferpromenade sind nach wie vor verbaut. Auch so gesehen bleibt das Ausstellungsprojekt „Beauty“ von Stefan Sagmeister (geb. 1962), des aus Bregenz stammenden, in New York tätigen, vielfach ausgezeichneten Stardesigners und seiner einstigen Büropartnerin Jessica Walsh aktuell, obwohl die Premiere im Oktober 2018 im Wiener MAK stattfand und sich die Übernahme ins Vorarlberg Museum aufgrund der Pandemie enorm verzögerte.

Was damals aus Wien in den VN berichtet wurde, ließe sich erstens wiederholen, aber zweitens nimmt Sagmeister, den Verena Konrad auch zur Architekturbiennale in den Austria Pavillon in Venedig lud, bei der Diskussion um Schönheit in Architektur, Städtebau und Design nach wie vor kein Blatt vor den Mund.  Dass mittlerweile braune Rechtecke bzw. neue Wohnblocks in Seenähe in Lochau gebaut wurden, erachtet er als schlichtweg dumm. Daneben beurteilt er die Zukunft der Architektur aus seiner Perspektive bzw. hinsichtlich des Plädoyers für Schönheit aber durchaus optimistisch. Die Durchsetzung des Rechtecks etwa in den 1920er-Jahren habe Sinn gemacht, wenn gute Architekten nun auf das Rechteck setzen, dann könnte dieses immerhin etwas. Das Kunsthaus Bregenz, geplant von Peter Zumthor, lässt Sagmeister somit als Architektur gelten, in der Schönheit wieder ein Begriff ist. Dass diesbezüglich global eine Diskussion stattfindet, habe ihn Verena Konrad, Direktorin des Vorarlberger Architektur Instituts und damals Kuratorin in Venedig, bestätigen können.

Einfache Beispiele, wie die differenzierte Gestaltung der Moskauer U-Bahn und die einheitliche in den meisten Städten werden auch aufgezeigt.
Einfache Beispiele, wie die differenzierte Gestaltung der Moskauer U-Bahn und die einheitliche in den meisten Städten werden auch aufgezeigt.

Was heißt das für Bregenz? Bei entsprechendem Wollen sei die Verlegung der Bahn und der Straße in den Boden machbar und somit der Zugang zum Seeufer frei. Die Landeshauptstadt sei selten hässlich gewesen, hingegen habe er Dornbirn in einer Schulzeit sehr negativ empfunden, was sich radikal verändert habe: „Dornbirn muss in den letzten 30 Jahren die besseren Bürgermeisterinnen und Bürgermeister gehabt haben als Bregenz.“

Die Farbe Braun wird laut Umfragen von den meisten Menschen als hässlich empfunden.
Die Farbe Braun wird laut Umfragen von den meisten Menschen als hässlich empfunden.

Das sitzt. Aber Sagmeister und Walsh definieren in den Arbeiten nicht ihr eigenes Schönheitsempfinden, sie stoßen den Satz, dass Schönheit im Auge des Betrachters liege, vielmehr um, arbeiten mit Forschungsergebnissen, wonach Harmonie und Symmetrie und vor allem auch Diversität allgemein als schön empfunden wurden, entlarven aber auch den Eklektizismus. „Beauty = Function“ hieß der Slogan auf der erwähnten Architekturbiennale. Das per computeranimierten Bildern überlieferte Statement erzeugt nun auch für die Besucher in Bregenz ein Wohlfühlambiente, das vom Song der Band Siskiyou untermalt wird, während Nils Völkers Installation mit atmenden Säcken im Vorarlberg Museum schwarz sein darf. Weil es hier passt, obwohl die meisten Menschen die Farbe Blau am schönsten empfinden, Braun verabscheuen und den Kreis gegenüber allem Eckigen den Vorzug geben. (Selbstverständlich sind auch die Besucher im Vorarlberg Museum zu Interaktion aufgerufen. Wie sie abgestimmt haben, weiß man somit im Oktober.)

Dass es manchmal gar nicht viel Aufwand braucht, um sich den Alltag zu verschönern, zeigen Beispiele in diversen heruntergekommenen Stadtvierteln. Dass die aktuelle Ausstellung nicht mehr ganz so üppig ist wie die Premiere in Wien, spielt keine Rolle, denn überall auf seiner Tour, die ihn unter anderem auch nach Frankfurt führte, hat Sagmeister aus dem Museumsfundus geschöpft. Und so enthält sein Best of aus dem Vorarlberger Depot sowohl Arbeiten von Angelika Kauffman als auch von Edmund Kalb, Rudolf Wacker, Gottfried Bechtold, Miriam Prantl, Thomas Bohle oder Maria Anwander.

Diese Sammlung ergänzt die Botschaft, die auch wenn sie mitunter simpel erscheint, nicht übersehen lässt, dass sie dringend notwendig ist.

Stefan Sagmeister wurde mehrfach mit einem Grammy und wichtigen Design Awards ausgezeichnet, hat die CD-Cover für namhafte Bands und Künstler wie Rolling Stones oder Lou Reed entworfen und nach dem "Happy"-Projekt mit "Beauty" Ausstellungen realisiert, die in mehreren Städten gezeigt wurden.
Stefan Sagmeister wurde mehrfach mit einem Grammy und wichtigen Design Awards ausgezeichnet, hat die CD-Cover für namhafte Bands und Künstler wie Rolling Stones oder Lou Reed entworfen und nach dem "Happy"-Projekt mit "Beauty" Ausstellungen realisiert, die in mehreren Städten gezeigt wurden.
Selbsterklärend zum Thema Eklektizismus: Zuckerdosen aus Gebäuden der Wiener Ringstraße.
Selbsterklärend zum Thema Eklektizismus: Zuckerdosen aus Gebäuden der Wiener Ringstraße.

Geöffnet im Vorarlberg Museum in Bregenz vom 9. April bis 16. Oktober, Di bis So, 10 bis 18 Uhr, Do bis 20 Uhr, Juli und August: täglich von 10 bis 18 Uhr, Do bis 20 Uhr.