Literatur bietet Halt

Kultur / 08.04.2022 • 16:46 Uhr / 2 Minuten Lesezeit
Literatur bietet Halt

Ein krebskranker Altphilologe entdeckt die „Ilias“ neu.

Essay Eigentlich hat er für sein Buch ein Kapitel über das Treffen des griechischen Helden Achill mit Troja-König Priamos in Homers „Ilias“ überarbeiten wollen. Doch kurz nach dem Abschluss seiner Habilitation warf ein ärztlicher Befund alle Pläne über den Haufen: „Ich war 27 und hatte Krebs“, schreibt Altphilologe Jonas Grethlein in seinem Buch „Mein Jahr mit Achill“. Darin verwebt er die eigene, frühe Krankheit mit dem wohl großartigsten Epos der Weltgeschichte.

Durch den „feinen Schliff der Ilias“ habe der heute 43-jährige Professor für griechische Literatur in Heidelberg „bis auf den Grund meiner Krebserfahrung sehen“ können. Die Krankheit habe ihn „den Helden der Ilias neu verstehen“ lassen, schreibt Grethlein über den herben Achill, der bei der mythologischen Belagerung Trojas als herausragendster Kämpfer der Griechen steht. Er stirbt vor seiner Zeit durch einen Pfeil in seine verwundbare Stelle an der Ferse. Seine Mutter prophezeite ihm schon früh, dass ewiger Ruhm nur mit dem frühen Tod einhergehen wird. „Auch wer ein aufregenderes Leben führt als ein Altphilologe, dürfte es nicht leicht haben, sich mit einem solchen Helden zu identifizieren“, schreibt Grethlein nicht ohne Selbstironie.

Nicht über einen Drang, in einem Kampf die Krankheit zu besiegen, nähert er sich dem Helden, sondern darüber, dass er sich wie jener am Höhepunkt seiner jugendlichen Kraft der eigenen Fragilität stellen muss. Auch wenn es kein wissenschaftliches Werk ist, wendet sich Grethlein in Exkursen philologischen Problemstellungen der „Ilias“ zu.

“Mein Jahr mit Achill”, Jonas Grethlein, C.H. Beck, 208 Seiten.

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