Vom gefährlichsten Raubtier der Welt

Kultur / 08.04.2022 • 16:46 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Aufruhr der MeerestiereMarie GamillschegLuchterhand Literaturverlag304 Seiten

Aufruhr der Meerestiere

Marie Gamillscheg

Luchterhand Literaturverlag

304 Seiten

Eine Meerwalnuss funktioniert als Protagonistin einer Geschichte.

Roman Es gibt sie wirklich, die Meerwalnuss, lateinisch “Mnemiopsis leidyi”. Die Rippenqualle sieht mit ihrem regenbogenfarbigen Leuchten und ihrem ungreifbaren Körper geheimnisvoll aus. Mit ihren vielen Besonderheiten ist sie ein Faszinosum für Biologen, mit ihrer endemischen Vermehrung ein Schrecken der Ökologen. Sie würde sich hervorragend als Protagonistin eines Romans eignen, und lange sieht Marie Gamillschegs “Aufruhr der Meerestiere” auch danach aus. Doch es kommt anders.

Hauptfigur ist dann doch ganz klassisch ein Mensch. Die junge Meeresbiologin Luise ist in Denken und Verhalten zwar ganz und gar nicht konventionell, doch nimmt der Roman, der anfangs auf unerwartete und aufregende Weise mitten in die Überlebensfragen des Planeten führte, in rasante und noch kaum erforschte Umwälzungen in den Ökosystemen und in das Infragestellen gesicherter wissenschaftlicher Erkenntnisse, bald Kurs auf scheinbar bekanntes, nämlich zwischenmenschliches Terrain. Doch auch dort gibt es noch manches zu entdecken, ist manches labil.

Für ihren ersten Roman “Alles was glänzt” wurde die in Berlin lebende Grazerin mit dem Österreichischen Buchpreis für das beste Debüt 2018 ausgezeichnet. Schon damals war der Raubbau an der Natur ein Thema. Nun lockt sie die Leser auf hohe See. In den leergefischten Gewässern verbreitet sich mit großer Geschwindigkeit eine Rippenquallenart. Durch Ballastwassertanks von Frachtschiffen gelangt sie in Meere, in denen keine natürlichen Feinde die Population in einem Gleichgewicht mit der Umgebung halten. Die Meerwalnuss ist “das gefährlichste Raubtier der Welt”, eine “Nutznießerin des Klimawandels”. Ihr massenhaftes Auftreten führt bereits zu Verstopfungen in Kühlwasserzuflüssen von Kernkraftwerken.

Sprachliche Meisterschaft

Luise gilt als Expertin in diesem Forschungsgebiet und hält Vorträge auf der ganzen Welt. Ihre Faszination für den seltsamen Organismus, der fast ausschließlich aus Wasser besteht und einen Anus temporär überall ausbilden kann, wo er benötigt wird, trägt Früchte: Ein Zoo möchte sein neues Forschungszentrum ausgerechnet der Meerwalnuss widmen. Im Erzeugen von Irritationen beweist Gamillscheg sprachliche Meisterschaft und gibt am Ende einen kleinen, gespenstischen Ausblick in die Zukunft. Die Meerwalnuss hat gewonnen, nachts leuchten die Meere durch sie heller als der Vollmond.

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