„Wir können gemeinsam etwas bauen“

Kultur / 08.04.2022 • 17:46 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Hans Peter Hofmann: „Die Atmosphäre des Zusammenarbeitens ist das Besondere am SOV.“ VN/KH
Hans Peter Hofmann: „Die Atmosphäre des Zusammenarbeitens ist das Besondere am SOV.“ VN/KH

Hans Peter Hofmann war auf Wunsch von Kirill Petrenko SOV-Konzertmeister und ist wieder dabei.

Bregenz Hans Peter Hofmann blickt auf eine internationale Karriere als Solist, Konzertmeister und Kammermusiker zurück und ist ein gefragter Violinpädagoge. Geboren 1967 in Saarbrücken, absolvierte er ein Studium und war in der Soloklasse von Yfrah Neaman in London. Er war u. a. Konzertmeister der Bayerischen Kammerphilharmonie, des Berliner Kammerorchesters, des Symphonieorchesters Vorarlberg. In Paris wurde er Mitglied des Ensembles Les Dissonances, 2007 übernahm er die künstlerische Leitung des European Union Chamber Orchestra. Seit 2010 ist er Professor an der Hochschule für Musik in Saarbrücken.

 

Wie sind Sie zur Geige gekommen?

Hofmann Ich bin auf dem Dorf aufgewachsen und durch meine Eltern sehr gefördert worden, die sich mit Leib und Seele der Amateurmusik verschrieben hatten. Mein Vater war Vorsitzender des Blasmusikvereins, meine Mutter hat sich Geige gewünscht, was sie selbst als Kind gespielt hat. Mit vier habe ich Klavier gelernt, mit fünf Geige, dann Posaune.

 

Und wie kamen Sie als Konzertmeister zum Symphonieorchester Vorarlberg?

Hofmann Andreas Ticozzi, den ich vom Kammerorchester Schloss Werneck kannte, hat mit mir das Ensemble Plus gegründet. Er hat Christoph Eberle, den damaligen Chefdirigenten des SOV, zu einem Konzert eingeladen, damit er mich als Konzertmeister kennenlernt. Es kam dann schnell eine Anfrage, und von 1998 bis 2013 war ich dann regelmäßiger Konzertmeister.

 

Auf Wunsch von Kirill Petrenko waren Sie Konzertmeister bei allen Teilen des Mahler-Zyklus. Was hat Ihnen diese Zusammenarbeit bedeutet?

Hofmann Das war ein gemeinsames Entwickeln und Wachsen an der Musik, eine wunderbare Zusammenarbeit über Jahre.

 

Mit dem Ensemble Plus haben Sie sich auf Neue Musik und Kammermusik konzentriert. Welches waren die Höhepunkte?

Hofmann Die Freude, Werke, die für das Ensemble komponiert wurden, uraufzuführen und Perlen der Kammermusik, wie das Klavierquintett von Korngold, das Septett von Adolphe Blanc oder das Oktett von Max Bruch zu spielen. Da ich inzwischen auch Konzertmeister im Kurpfälzischen Kammerorchester bin, kann ich leider beim Ensemble nicht mehr mitmachen.

 

Unter Ihren zahlreichen internationalen Engagements finde ich die Arbeit bei dem renommierten Ensemble Les Dissonances in Paris besonders interessant. Was können Sie darüber berichten?

Hofmann Dieses Ensemble spielt alles ohne Dirigent, in intensiver Auseinandersetzung mit der Musik. Das ist spannend, aber auch anstrengend. Wir wollten immer auch ein Modell für die Gesellschaft bieten, mit flachen Pyramiden in der Verantwortung. Auch der letzte Tutti-Spieler wird gehört, Entscheidungen muss aber jemand treffen, nur so kann man komplexeste Werke in höchster Qualität auf die Bühne bringen. Der transparente Klang ist wesentlich, man muss alles durchhören können. Große Apparate klingen oft mächtig. Ich habe auch mit den Stimmführern das Streichquartett Les Dissonances gegründet, wir haben eine Reihe von sehr schönen, intensiven Konzerten gegeben. Eine Mäzenin hat mir ermöglicht, sieben Jahre auf einer Stradivari zu spielen. Wegen meiner Professur in Saarbrücken, wo ich auch Dekan bin, habe ich mich vor zwei Jahren aus dem Ensemble zurückgezogen.

 

„Wir denken, dass die Musik und die Kultur uns zu menschlichen Wesen machen«, heißt es im Booklet des letzten Albums von Les Dissonances. Wie sehen Sie die Rolle der Musik in kriegerischen Zeiten?

Hofmann Ganz schlicht und ergreifend: völkerverbindend. Wir alle haben Kollegen aus verschiedenen Kulturkreisen. In Zeiten einer solchen geopolitischen Zuspitzung ist es wichtig, die Brücken nicht abzubrechen. Musik verbindet. So sehr man die Taten verurteilen muss, man soll nicht die Menschen verurteilen, das sollten wir als Humanisten gelernt haben.

 

Seit 2007 leiten Sie auch das European Union Chamber Orchestra. Welche Erfahrungen haben Sie da gemacht?

Hofmann Nur die besten. Man trifft innerhalb eines Ensembles zehn Nationen, man lernt durch die Brille des anderen zu sehen, versteht die Lage der Kollegen in anderen Ländern. Und dem Publikum wird das Bild vermittelt, dass Menschen aus so vielen Ländern über die Sprache der Musik zusammenkommen. Unterschiede haben ihre Berechtigung und sollen auch bleiben, aber die Musik schafft Gemeinschaft. Das Feedback des Publikums auf allen Kontinenten war, dass wir die Botschaft vermitteln: Hej, wir können gemeinsam etwas bauen. Die Kultur ist das, was die Menschen verbindet, nicht die Wirtschaft und das, was den Lobbyisten wichtig ist. Die Musik spielt dabei eine wichtige Rolle.

 

Sie haben mit 27 Jahren zu lehren begonnen. Worauf legen Sie bei der Ausbildung besonderen Wert?

Hofmann Dass jede Studentin und jeder Student in die Lage versetzt wird, das eigene Potenzial voll zu entwickeln und ein Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und das eigene Wesen zu gewinnen. Wenn man jungen Menschen dabei hilft, können sie auch eine wichtige Rolle in der Gesellschaft spielen.

 

Nun zum Konzertprogramm: Welches der drei Stücke, Beethovens Coriolan-Ouverture, Haydns Symphonie Nr. 95 in c-Moll und Bernsteins Serenade nach Platons Gastmahl, liegt Ihnen besonders am Herzen?

Hofmann Es sind alle drei Meisterwerke, kleine Monolithen, die für sich alleine dastehen, aber in der Kombination noch packender sind.

Konzerte des SOV: 9. April, 19.30 Uhr, Montforthaus Feldkirch, 10. April, 17 Uhr, Festspielhaus Bregenz (Haydn, Bernstein, Beethoven), Kolja Blacher, Dirigent.

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