Berührt werden vom Klang einer Stimme

Kultur / 24.04.2022 • 11:55 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Berührt werden vom Klang einer Stimme
Mezzosopranistin Lea Elisabeth Müller. Theresa Pewal

Die junge Künstlerin Lea Elisabeth Müller strebt ein eigenes, persönliches Ideal des Singens an.

RÖNS Sie ist durch Auftritte bei Liederabenden, Oratorien und Messen mit ihrem kultivierten Mezzo eine geschätzte Größe im Musikleben des Landes. Nach ihrem Studienabschluss in Köln startete Lea Elisabeth Müller ihre Karriere in der professionellen Szene im In- und Ausland. Derzeit gilt ihr bevorzugtes Interesse Projekten der Alten Musik mit Schwerpunkt auf der Musik von J. S. Bach.

Als junge Sängerin sollte man, auch wenn man im Moment kein fixes Engagement an einem Haus hat, stimmlich fit bleiben. Wie sieht Ihr Alltag in dieser Hinsicht aus?
Als freischaffende Sängerin muss man lernen, sich selbst eine Struktur zu geben, Ziele zu formulieren und auch unabhängig von konkreten Engagements kontinuierlich an sich zu arbeiten. Man sollte die Gesangstechnik verfeinern und das eigene Repertoire erweitern, um über Vorsingen und diverse Projekte nach und nach seinen Platz in der professionellen Musikszene zu finden.

Sie streben einen eigenen, persönlichen Stimmklang an. Wie würden Sie Ihr Ideal beschreiben?
Ein idealer Stimmklang schwingt für mich frei und beweglich. Es gibt in der Klangfarbe eines Tones einen tiefen Kern, etwas in sich Ruhendes trotz aller Bewegtheit. Klarheit, Natürlichkeit und Ehrlichkeit im eigenen Klang sind für mich entscheidend für authentisches Musizieren. Diese tiefe Verbindung zum eigenen Stimmklang spüre ich z. B. bei Sängerinnen wie Miriam Feuersinger, Anke Vondung und Emma Kirkby. Von beiden Letztgenannten durfte ich diesen März beim Meisterkurs der Stuttgarter Bachakademie lernen. Ein Stimmklang spricht mich an, wenn ich berührt werde. Solche Meisterkurse sind überhaupt eine wunderbare Möglichkeit, sich durch neue Impulse weiterzuentwickeln und Feedback zu holen. Das durfte ich u. a. auch bei Kurt Widmer, Claudia Rüggeberg, Christiane Iven und Britta Schwarz erfahren.

Welche Richtung wurde Ihnen beim Studium am Landeskonservatorium bei Ingeborg Dobozy und Clemens Morgenthaler vorgegeben?
Bei Ingeborg Dobozy habe ich meinen ersten Gesangsunterricht erhalten, ein erstes Eintauchen in die Welt der klassischen Gesangsliteratur. Nach der Matura am Musikgymnasium Feldkirch war für mich dann klar, dass ich bei Clemens Morgenthaler mein Gesangsstudium starten möchte. Clemens hat mich sehr gefördert und motiviert und ich durfte im Rahmen des Studiums am Landeskonservatorium schon früh viele solistische Aufgaben übernehmen, wie z. B. die Hexe „Sorceress“ in der Oper „Dido and Aeneas“ von Purcell am Landestheater Bregenz oder den Altsolopart in der „Petite Messe solennelle“ von Rossini.

Nach einem Studienjahr in Nürnberg haben Sie 2018 an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln ein Masterstudium abgeschlossen. Öffnet so etwas Türen zu ersten Engagements?
Ja, für mich war es wichtig, nach meinem Bachelor in Feldkirch neue Institutionen kennenzulernen, um in meiner Entwicklung zu wachsen. Durch Vorsingen, auch außerhalb des Uni-Betriebs, bekam ich erste Engagements und Förderungen wie in einer Gluck-Opernproduktion in Berching bei Nürnberg, Rollen am Theater Aachen und an der Wiener Taschenoper sowie ein Stipendium des Richard-Wagner-Verbandes Nürnberg. Auch wenn sich mein Fokus nun auf den Konzertbereich gelegt hat, fasziniert mich Oper nach wie vor. Mit meiner Wiener Gesangslehrerin Eva Lindqvist arbeite ich weiterhin an lyrischen Mezzorollen.

In Ihrer künstlerischen Tätigkeit ist eine zunehmende Neigung zur Musik von J. S. Bach zu bemerken. Was hat sie dorthin geführt?
Mit Miriam Feuersinger habe ich ein Vorbild einer international erfolgreich in der Szene der Alten Musik tätigen Sängerin gefunden, mit ihr zu arbeiten bestärkt mich sehr. In den vergangenen zwei, drei Jahren habe ich mich vermehrt und intensiv mit diesem Repertoire beschäftigt und konnte mich für den Bachwettbewerb Leipzig 2020/21 qualifizieren. Corona-bedingt fand dieser Wettbewerb jedoch schlussendlich nicht statt, was natürlich sehr bitter war. Bach hatte ein großes Verständnis für die menschliche Stimme als Instrument. Eine Bach-Arie zu singen, ist zuerst immer eine Herausforderung. Über den Prozess, ein Werk von Bach zu erarbeiten, in das eigene Verständnis und den Körper zu bringen und letztendlich zu meistern, lernt man sehr viel über sich und sein eigenes Instrument.

Da stehen auch heuer für Sie noch größere Projekte mit Alter Musik an, in einem Scarlatti-Oratorium in Ulm und in Bachs h-Moll-Messe auf Tournee in Italien.
Ja, und ich freue mich sehr auf diese Engagements außerhalb der Landesgrenzen. Das Scarlatti-Oratorium „Cain“ in Ulm und am Theater Lindau ist eine halbszenische Aufführung mit dem Hassler-Consort. Und im Dezember darf ich mit Bachs h-Moll-Messe mein Italien-Debüt feiern.

Sie haben im vergangenen Herbst in Wien eine Ausbildung zur Feldenkrais-Trainerin begonnen. Wie sehr hat diese Methode auch mit Musik zu tun?
Feldenkrais ist eine Bewegungsmethode, begründet nach Moshé Feldenkrais, bei der es um die langsame und bewusste Bewegung geht. Ich sehe in dieser Methode viele Parallelen zur Musik. In der Ausbildung heißt es in den Bewegungsanleitungen oft „reduce the effort“, „go the easy way“. Auch beim Üben und Musizieren wird jegliche Anstrengung weggelassen, um eine Bewegung oder Atembewegung selbstverständlich, mühelos und leicht fließen zu lassen. Momentan nutze ich diese Methode für mich und mein Singen und sehe die Ausbildung zur Trainerin als wertvolle Ergänzung und Bereicherung meiner Arbeit. Und wer weiß, vielleicht kombiniere ich irgendwann Feldenkrais-Arbeit mit der Gesangspädagogik. Fritz Jurmann

23. April, 20 Uhr/24. April, 19 Uhr, Kulturbühne Ambach Götzis: Jubiläumskonzert „Barock pur“, Solistenquartett, Kammerchor Vocale Neuburg, Leitung Oskar Egle

Zur Person

Lea Elisabeth Müller

Geboren 1992 in Bregenz, wohnt in Röns und Wien

Ausbildung Landeskonservatorium Vorarlberg, Musikhochschule Nürnberg, Hochschule für Musik und Tanz Köln, div. Meisterkurse, Ausbildung zur Feldenkrais-Trainerin in Wien

Tätigkeit Intensive Konzerttätigkeit im In- und Ausland als Solistin im Konzertsaal, Kirchen und auf Opernbühnen