Erzählgirlanden aus Fantasie und Sprachwitz

Kultur / 29.04.2022 • 17:32 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Mon Chéri und unsere demolierten SeelenVerena Roßbacher, Kiepenheuer & Witsch, 512 Seiten

Mon Chéri und unsere demolierten Seelen

Verena Roßbacher, Kiepenheuer & Witsch, 512 Seiten

Roßbacher hat auch ein gutes Gespür für Timing und Rhythmus.

Roman Ein Anwaltsbrief aus Wien, eine Protagonistin namens Charly, die kaum Sozialkontakte hat, als sie schwanger wird aber gleich drei potenzielle Väter aufbieten kann, ein altes Hotel in Bad Gastein, in dem am Ende geboren und gestorben wird – Verena Roßbachers Roman „Mon Chéri und unsere demolierten Seelen“ wartet mit einigen Überraschungen auf. Vor allem aber bietet er feinsten Lesegenuss.

Roßbacher, geboren 1979 in Bludenz, hat schon in ihren bisherigen drei Romanen „Verlangen nach Drachen“, „Schwätzen und Schlachten“ und „Ich war Diener im Hause Hobbs“ gezeigt, wie man auf chillige Art Fantasie und Sprachwitz zu Erzählgirlanden verbindet, wie man die Leser in fremde Welten zu fremden Figuren mitnimmt, ohne sie je vergessen zu lassen, dass die Autorin dabei als charmante Reiseführerin den Kurs bestimmt. Der Kern, also quasi die Piemont-Kirsche des „Mon Chéri“-Romans, besteht aus einem höchst ungewöhnlichen Duo. Ich-Erzählerin Charly Benz hat im Leben bisher weder das Richtige noch den Richtigen gefunden. Trotz Witz und Eloquenz eher unterdurchschnittlich mit Selbstbewusstsein ausgestattet, hat sie Angst vor Bindungen und vor Briefen etwa. Weswegen sie Herrn Schabowski engagiert hat, der sich an ihrer Stelle um ihre Post kümmert und sukzessive zu ihrem einzigen regelmäßigen Ansprechpartner wird. Rund um diese außergewöhnliche Beziehung hat Roßbacher viele Schichten an Themen und Nebenfiguren angeordnet, die den Lesestoff mit einer Vielzahl von interessanten Geschmacksnoten und Konsistenzen bereichern. Familienaufstellungen und Krebstherapien, Vergangenheitsbewältigung und Zukunftssorgen, die Suche nach der eigenen Mitte und dem passenden Lebensmodell – all‘ das wird hauptsächlich in langen Gesprächen in Wartezimmern abgehandelt.

Schwarzer Humor

Roßbacher hat nicht nur eine Sprache, die Bindung schafft, ohne anbiedernd zu wirken, sondern auch ein gutes Gespür für Timing und Rhythmus. Der Roman, der aus 133 kurzen Kapiteln und „ein paar Worten vorneweg“ besteht, behandelt gleich in seinen allerersten Sätzen das Problem von Sexszenen, liefert diese geballt nach und „Mon Chéri“ wird nach vielem Getändel und Gehänsel auf den letzten 100 Seiten noch einmal tiefgründig. Verena Roßbacher steigert hier noch einmal den mit schwarzem Humor verbundenen Skurrilitätsfaktor. Schade, dass auch die größte Pralinenpackung einmal zu Ende gehen muss.