„Ein humanitäres Gegengewicht“

Kultur / 02.05.2022 • 21:08 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Bilger:
Bilger: “Kulturarbeit kann auch eine Einübung in Demokratie darstellen.”

Der Kulturkreis Feldkirch wurde vor 50 Jahren gegründet, das Theater am Saumarkt vor 45 Jahren.

FELDKIRCH Der Kulturkreis Feldkirch und das Theater am Saumarkt stehen für autonome und innovative Kulturarbeit. Heuer findet ein Doppeljubiläum statt, das in einem Festakt thematisiert wurde. Peter Bilger, Obmann des Kulturkreises Feldkirch, gab einen Rückblick auf die Entstehungsgeschichte. Vor 50 Jahren hatte eine Gruppe Kulturtätiger den Kulturkreis Feldkirch gegründet. Im Mittelpunkt standen Theater, Kabarett und Literatur. Für jede Veranstaltung musste nach Räumen gesucht werden. Im Jahr 1978 fand sich dann eine geeignete Räumlichkeit mitten in der Stadt, nämlich die Werkstatt der Spenglerei Härtenberger. Diese wurde von den Mitgliedern des Kulturvereins unter der Leitung des Architekten Erich Steinmayr mit viel Enthusiasmus umgebaut. So entstand das heutige Theater am Saumarkt. Der Trägerverein des Saumarkts ist aber nach wie vor der Kulturkreis Feldkirch, dessen Vorstandsmitglieder die Kulturarbeit ehrenamtlich gestalten. „Mit dem Begriff Kulturarbeit ist oftmals eine Vorstellung von Selbstverwirklichung verbunden. Aber es gilt nichts zu beschönigen. Kulturarbeit ist fordernd und herausfordernd. Angesichts der rasanten Entwicklung in Sachen Neoliberalismus und Digitalisierung kann Kulturarbeit aber auch ein humanitäres Gegengewicht bieten, sie kann auch eine Einübung in Demokratie darstellen. Kulturarbeit geschieht jedoch nach wie vor zu oft unter dem Zeichen von Ausbeutung.“

Stephanie Gräve, Intendantin des Vorarlberger Landestheaters, skizzierte in ihrer Festrede die gesellschaftliche Wirkung von Kulturarbeit für die Allgemeinheit: „Die Gesellschaft hat sich in den letzten vierzig Jahren so verändert, wie ich es mir in den 1980er-Jahren nicht hätte vorstellen können. Ich bin in eine Welt geboren, in der eine Aufbruchstimmung herrschte. Damals setzte man sich unter anderem mit Fragen der Macht und des Faschismus auseinander.“ Es ging vor allem auch um die Frage, was notwendig sei: „Ein Erfolg konnte nur gewährleistet werden, wenn tatsächlich alle Mitglieder der Gesellschaft mitgenommen werden. Kultur sollte nicht mehr ein Privileg der Reichen sein, sondern es galt der Begriff Kultur für alle.“ Genau diese Entwicklung habe das Theater am Saumarkt aufgegriffen.

Teilhabe als Kernaussage

Gräve schilderte ihre eigenen Erfahrungen in dieser Zeit: „Ab den 1980er-Jahren wurde ich sehr konkret politisiert. Es wurde mir immer mehr bewusst, dass es geeignete Impulse braucht, um die Menschen aus der Mitte der Gesellschaft zu erreichen. Wir waren gefordert, uns einzumischen. Ich wurde im Ruhrgebiet katholisch erzogen. Aber auch in der Kirche bildeten sich – wie in der Kulturarbeit – Offenheit, Transparenz und Innovationskraft heraus.“ Ab dem Jahr 2000 geschah eine Öffnung zu partizipativen Elementen: „Der Begriff der Partizipation stammte aus der freien Szene, wie vieles andere. Es bleibt müßig zu überlegen, ob wir hier etwas abgekupfert oder neu interpretiert haben.“ Sie plädierte abschließend für den Begriff der Teilhabe, insbesondere in Kunst und Kultur gelte es, die Dinge zu teilen: „Ich denke, dass Kulturschaffende eine gesellschaftliche Veränderung wollen. Und das ist gut so.“ BI

„Es gilt nichts zu beschönigen. Kultur­arbeit ist fordernd und herausfordernd.“

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Sabine Benzer mit den Vorständen Helene Amann, Walter Müller, Regina Zink, Werner Gerold, Erika Kronabitter, Peter Bilger und Marie-Rose Rodewald-Cerha. hefel, müller
Sabine Benzer mit den Vorständen Helene Amann, Walter Müller, Regina Zink, Werner Gerold, Erika Kronabitter, Peter Bilger und Marie-Rose Rodewald-Cerha. hefel, müller