Improvisieren erzeugt Glücksgefühle

Kultur / 09.05.2022 • 20:55 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Der Organist, Cembalist und Musikpädagoge Christian Lebar stellt sich zum Ausgleich gerne weiteren Herausforderungen. Victor Roman Marin
Der Organist, Cembalist und Musikpädagoge Christian Lebar stellt sich zum Ausgleich gerne weiteren Herausforderungen. Victor Roman Marin

Christian Lebar war auch in der Obdachlosen- und Flüchtlingshilfe, im Gemüsebau und als Yogalehrer tätig.

BATSCHUNS Er ist studierter Musiker und Pädagoge, und diese Berufe erfüllen ihn. Doch Christian Lebar ist einer, der sich zum Ausgleich auch gerne weiteren Herausforderungen stellt: im sozialen Engagement, naturnah, mit der philosophischen Yogalehre bei den Menschen mit ihren vielfältigen Problemen.

 

Welche Aufgaben haben Sie als praktizierender Organist im liturgischen Bereich zu erfüllen?

LEBAR Nehmen wir Ostern als Beispiel. Heuer war wieder „Business as usual“ mit Proben und drei unterschiedlichen Messen am Sonntag. Der Gegensatz zu den letzten zwei Osterfesten könnte nicht größer sein: man musizierte in Kleinstbesetzung, vor zwei Jahren feierten wir als Familie allein mit einem Osterfeuer im Morgengrauen. Heuer wurde wieder deutlich, welchen Reichtum die Musik in der Kirche entfalten kann, wenn Chor und Gemeinde, Kantoren, Orchester und Orgel ineinandergreifen und zusammen ein großes Ganzes entstehen lassen.

 

Ist das für Sie ein Dienst, so wie ein anderer ins Büro geht, oder spielt auch Ihr persönlicher Glaube mit?

LEBAR Musik und Glaube hängt für mich zusammen: Über die Jahrtausende erfahren Menschen die Tiefe ihrer Existenz, ihre spirituelle Dimension in vielfältiger Weise, ganz stark aber im Klang. Tiefe Erfahrungen wiederum drücken sich immer wieder in Kunst aus. Für mich ist Musik, wenn Sie so wollen, „ein Fenster in die Ewigkeit“ – aber auch das Büro kann so ein Ort sein.

 

Wie viele kommen zu Ihnen in den Unterricht, wann ist man bereit für die Praxis der Messgestaltung?

LEBAR Ich habe zwölf Schülerinnen und Schüler zwischen elf und 70. Besonders Kinder sind fasziniert von Klang und Wirkung des Instruments. Der Einsatz im Gottesdienst kommt dann schon, Schritt für Schritt: ein kleines Zwischenspiel hier, der erste Gemeindechoral da. Für das Begleiten eines ganzen Gottesdienstes braucht es Sicherheit am Instrument, Übersicht, Spontanität, Nervenstärke, Gespür – das alles entwickelt sich erst über Jahre.

 

In Ihrer Jugend haben Sie prägende Eindrücke in der Wiener Ruprechtskirche erfahren.

LEBAR Definitiv. Menschen um den Studentenseelsorger Joop Roland haben sich Gedanken gemacht, was Liturgie „heutiger“ macht, näher dran am eigenen Leben. Daraus ist in der ältesten Kirche Wiens die Gemeinde St. Ruprecht entstanden mit aktuellen lebensnahen Themen, einer Sprache, die nicht in Formeln stecken bleibt, eigenem Liedgut, wöchentlichem Chor, Musikimprovisation, das Geschehen begleitend, mit „klingender Schönheit einhüllend“. Es gibt viel zu wenig solcher Orte in der katholischen Kirche.

 

Sie waren am Ende Ihres Studiums ein universitär ausgebildeter Musiker. Was hat Sie dann veranlasst, nebenbei auch einem sozialen Engagement nachzukommen?

LEBAR Aufgewachsen in der Industriestadt Steyr, habe ich ihre Krisen mitbekommen, Kündigungen, Misswirtschaft – aber auch den Stolz der Arbeiterkultur und die Haltung, sich umeinander zu kümmern. Mit meinen „Ausflügen“ ins Soziale wollte ich etwas zurückgeben von dem vielen Guten, das mir widerfahren ist.

 

Wie war das mit dem Gemüseanbau?

LEBAR Ich konnte bei Verwandten meiner Frau in deren Bio-Landwirtschaft arbeiten. Es wurde eine ganze Saison daraus zwischen Ochsenherztomaten und Buschbohnen, der Schönheit der Natur im morgendlichen Feld, schrundigen Händen und Kreuzweh.

 

Eine besondere Richtung ist Ihre Neigung zur Yogalehre, die Sie in einem Aufenthalt in Südafrika vertieft haben.

LEBAR Südafrika war ein Trittstein von mehreren. Ist ein Schüler, sagt man, ehrlich auf der Suche, so kommt der Lehrer zu ihm. Das ist eine Wahrheit, die ich in der Yogaausbildung erfahren habe und die auch meine musikalische Ausbildung begleitet hat.

 

Lassen sich geistige Verbindungslinien knüpfen zwischen Yoga und Musik?

LEBAR Die Verbindung ist zuallererst ganz handfest: Ein gesunder Körper bildet die beste Voraussetzung für gutes Musizieren. Darüber hinaus stärken Übungen die Konzentrationsfähigkeit. Für Berufsmusiker ist ein Ausgleich zu den körperlichen und nervlichen Belastungen unumgänglich.

 

Was ist Ihr bevorzugtes Repertoire, wo kann man Sie derzeit hören?

LEBAR Ich liebe die französische Musik des Barock, Olivier Messiaen hat es mir auch sehr angetan. Und improvisieren im Gottesdienst, das macht mich glücklich! Meine Frau ist ein wundervolles musikalisches Gegenüber für mich. Für den Sommer planen wir, die Kapellen in unserem Dorf zu bespielen. Spannende, intime Orte, das Cembalo hat hier um Haaresbreite Platz!

 

Gibt es im Hause Lebar-Kopf auch Hausmusik zusammen mit den Töchtern?

LEBAR Die beiden (11 und 13) haben ihren eigenen Kopf, wir haben keine Hausmusik daheim. Sie lernen Fagott und Gitarre, singen begeistert im Schulchor, tanzen. Musik ist allgegenwärtig in unserer Familie und in ihrem Leben, und das bereichert sie – was wünscht man sich mehr?

Der Organist, Cembalist und Musikpädagoge Christian Lebar stellt sich zum Ausgleich gerne weiteren Herausforderungen. Victor Roman Marin
Der Organist, Cembalist und Musikpädagoge Christian Lebar stellt sich zum Ausgleich gerne weiteren Herausforderungen. Victor Roman Marin

Zur Person

CHRISTIAN LEBAR

GEBOREN 1974 in Steyr, lebt in Batschuns

AUSBILDUNG Wiener Musikuniversität, Orgel und Cembalo

TÄTIGKEIT Organist, Cembalist und Klavierbegleiter; unterrichtet an der Musikschule Feldkirch und am Landeskonservatorium; Yogalehrer

FAMILIE verheiratet, zwei Töchter

26. Juni, 20 Uhr, Kirche Batschuns – Angelika Kopf-Lebar, Sopran