Marlene Streeruwitz: „Demokratie ist strukturell behindert“

Kultur / 12.05.2022 • 10:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Vorträge von Marlene Streeruwitz wurden unter dem Titel „Geschlecht. Zahl. Fall“ veröffentlicht. Die Schriftstellerin ist am Freitag bei den Feldkircher Literaturtagen zu Gast. <span class="copyright">TAS/Heribert Corn</span>
Vorträge von Marlene Streeruwitz wurden unter dem Titel „Geschlecht. Zahl. Fall“ veröffentlicht. Die Schriftstellerin ist am Freitag bei den Feldkircher Literaturtagen zu Gast. TAS/Heribert Corn

Marlene Streeruwitz zeigt auf, dass wesentliche Tätigkeiten politisch falsch bewertet werden.

Feldkirch Die österreichische Schriftstellerin Marlene Streeruwitz (geb. 1950) tritt am Freitag im Rahmen der Feldkircher Literaturtage auf, die das Theater am Saumarkt zum Thema „Kanon Macht Literatur“ veranstaltet.
 
Die Literaturwissenschaftlerin Nicole Seifert beschreibt in ihrer Publikation „Frauenliteratur. Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt“ einen Literaturbetrieb, der so tut, als ob er geschlechtsneutral und objektiv ist. Wie lautet Ihr Statement dazu?

Da hat Nicole Seifert durchaus recht. Das Problem scheint mir zu sein, dass Werke von Frauen nicht in die Geschichte der jeweiligen Kultursparte aufgenommen werden und so – und offenkundig selbstverständlich aufgrund des Geschlechts – aus der Geschichte herausfallen. Also nicht in Erinnerung bleiben. Das führt dazu, dass Frauen und andere Minderheiten im Kulturbetrieb immer nur gerade jetzt vorhanden sind. Jede Steigerung der Wirkung wird so verhindert.
 
Gender- und Postcolonial-Studies tragen dazu bei, so Seifert, dass Autorinnen neu gelesen und bewertet werden. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?
Das ist schön. Aber es geht um die Wirkung allgemein und da wirkt auch die kleinste Benachteiligung als Verhinderung. Wir sind nun struktureller Zensur ausgesetzt. Früher war das persönlich.
 
Sie meinten einmal, Männer sind nach wie vor das hegemoniale Geschlecht, die Herrschaftsverhältnisse seien unverändert und Sprache eine Methode der Herrschaft. Es ist also unabdingbar, an der Sprache zu arbeiten und die Herrschaftsverhältnisse hier permanent sichtbar zu machen?
Genau das versuche ich in meinen Vorlesungen aufzuarbeiten. Ich teile allerdings die Welt nicht in Mann oder Frau ein, sondern gehe von einem Kosmos der Pflege aus, in dem unsere Leben stattfinden und einem Kosmos der Öffentlichkeit, von dem unsere Leben beherrscht werden. Demokratie ist so wiederum strukturell verhindert dadurch, dass alle, die im Kosmos der Pflege tätig sind, weiter entwertet geblieben sind. Das trifft alle, die im Kosmos der Pflege arbeiten oder unentgeltlich ihre Kraft einsetzen. Es ist doch widersinnig, dass die Tätigkeiten, die für unsere Leben am wichtigsten sind, weiterhin gesellschaftlich und wirtschaftlich gegen den Kosmos des Öffentlichen verlieren.
 
„Die Perspektive weißer heterosexueller Männer wird in der Literatur als allgemein menschlich dargestellt“, so der Schriftsteller Alexander Graeff. Sie haben bereits mit „Jessica, 30“ vor 20 Jahren auf diese Leerstelle in der Literatur verwiesen. Wie sieht es heute aus?
Da gehen wir zur Frage eins zurück. Es ist recht zäh, wie sich die so wunderbare und vielfältige Literatur von Frauen und anderen Minderheiten sich immer neu Geltung verschaffen muss.
 
Ihre Vorträge im Rahmen der Poetikdozentur in Koblenz sind unter dem Titel
Geschlecht. Zahl. Fall.“ veröffentlicht worden. Besonders beeindruckend ist Ihr vehementes Plädoyer gegen das „Geschlecht ist so ein Singular“ und für die Vielfalt. Was steckt dahinter?
Die Auflösung der Deutungsmacht durch den Singular. Wir lernen immer neue Inhalte eines Begriffs wie Liebe oder Leben. Es ist politisch notwendig, die Wirklichkeit und ihre Wiederholungen in die Sprache zu ziehen. Wir kennen viele Lieben und das Leben ist für jeden und jede anders und anders komplex.
 
Sie sprechen ein, auch aufgrund der demografischen Entwicklung, wichtiges gesellschaftspolitisches Thema an, indem Sie auch das Alter als eine Diskriminierungsachse sehen. Ist das so schon in der Öffentlichkeit angekommen?

Das schaut manchmal so aus, aber da werden wir alle noch sehr viel mehr über den Wert der Person lernen müssen. SAB

Feldkircher Literaturtage vom 12 bis 14. Mai im Saumarkttheater mit Philipp Schöbi, Anika Reichwald, Marlene Streeruwitz, Sabine Scholl, u.a: www.saumarkt.at