“Erfolgversprechende Nachbarschaft zeichnet sich durch Vielfalt aus”

Kultur / 13.05.2022 • 22:32 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Die tonart Sinfonietta unter Markus Pferscher spielte zur Emsiana-Eröffnung u. a. Werke von Salomon Sulzer, Gilbert Klien und Daniel André Vitek.
Die tonart Sinfonietta unter Markus Pferscher spielte zur Emsiana-Eröffnung u. a. Werke von Salomon Sulzer, Gilbert Klien und Daniel André Vitek.

Architekturexperte Roland Gnaiger lieferte städtebauliche Anregungen bei der Emsiana.

Hohenems „Ein Mensch kann kein Haus bauen, aber zehn Menschen können zehn Häuser bauen“, lautet ein Sprichwort in Afrika. Erwähnung fand es nun in der Festrede des Architekten, Architekturkritikers und emeritierten Universitätsprofessors Roland Gnaiger. Der aus Vorarlberg stammende Experte wurde zur Emsiana in Hohenems eingeladen, einem regional ausgerichteten Festival mit viel Musik und bildender Kunst, das heuer wohl auch weil in der Stadt weitere bauliche Maßnahmen anstehen und das Jüdische Museum etwa die Historie der vernachlässigten „Untergass“ zeigt, dem Thema Nachbarschaft gewidmet ist. Die in dem Sprichwort erwähnte Einsicht sei auch der Schlüssel für Siedlungen in Kennelbach und Bregenz gewesen. Gnaiger: „Präzise nach demselben Plan bauten zwanzig Familien zwanzig Siedlungshäuser. Die Sorgfalt musste bei jedem Haus dieselbe sein, denn erst nach der Fertigstellung wurden die Häuser per Los den beteiligten Familien zugewiesen.“ In deutschen Städten und in Wien gewinne eine verwandte Form der Selbsthilfe an Bedeutung: „In den sogenannten Baugruppen teilen sich altersmäßig und sozial gemischte Gruppen ein Haus und die damit verbundene Verantwortung.“

Wichtige „halbprivate Räume“

Während das positive Beispiele sind, wurde Gnaiger beim Verweis auf eine „andere Form der Nachbarschaftshilfe beim Bauen“ konkret: „Ohne einer gemeinsamen Idee oder einem übergeordneten Konzept zu folgen, wird bis heute Arbeitskraft getauscht. Ganze Landstriche wurden mit dieser Häuselbauerei versaut – weniger drastisch lässt sich das nicht sagen.“ Diese „Resultate des allgemeinen Wohlstands“ stünden isoliert im Raum und entzögen sich nachbarschaftlichem Einfluss. Wie aber kann Architektur nachbarschaftliche Beziehungen beeinflussen? Im Grunde wisse jeder, was einen guten Ort auszeichnet, betonte Gnaiger. Begegnungsfelder der Nachbarschaft nenne man in der Architektur „halbprivate Räume“. Sie liegen zwischen dem Privatraum der eigenen Wohnung und dem öffentlichen Raum, etwa dem Marktplatz: „Gut gestaltete Nachbarschaft ermöglicht Begegnung, zwingt Nähe aber nicht auf wie die Stiegenhäuser unserer Siebziger- und Achtzigerjahre-Blöcke.“

Erfolgversprechende Nachbarschaft zeichne sich durch soziale Vielfalt aus, und aus „allgegenwärtigen Wohnwürfeln“ lasse sich keine Nachbarschaft errichten. Konturlosen Aufenthaltsbereichen fehle jegliche Aufenthaltsqualität. Gnaiger: „Vielleicht fragen auch Sie sich, wieso wir das robuste Konzept ,geschlossene Bebauung, vorne Straße, hinten Garten‘, wie es die Hohenemser Marktstraße repräsentiert, so gänzlich vernachlässigt haben.“

Schmerzhaftes Defizit im Land

In demokratischen Gesellschaften sei Städtebau ein Auftrag an alle, schloss Gnaiger, bevor er eines hervorhob: „Bei allen nicht hoch genug einzuschätzenden Verdiensten, die sich Vorarlbergs Architektur zuschreiben kann – in der von ihr mitzuverantwortenden Betonung des Einzelobjekts und der Vernachlässigung von Siedlungs- und Stadträumen liegt ihr schmerzhaftes Defizit.“ VN-cd

Für die Emsiana hat der Maler und Bildhauer Tone Fink neue Fabelwesen geschaffen, die über charakterliche Strukturiertheit reflektieren lassen. Fink, emsiana/Mathis
Für die Emsiana hat der Maler und Bildhauer Tone Fink neue Fabelwesen geschaffen, die über charakterliche Strukturiertheit reflektieren lassen. Fink, emsiana/Mathis
Architekt Roland Gnaiger referierte über architektonische Voraussetzungen für gute Nachbarschaft.
Architekt Roland Gnaiger referierte über architektonische Voraussetzungen
für gute Nachbarschaft.

Die Emsiana läuft in Hohenems noch bis 15. Mai; 14. Mai, 19.30 Uhr, Konzert von Arpeggione.