„Noch ist das keine Demokratie“

Kultur / 17.05.2022 • 22:18 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Nach Aufführungen bis 25. Mai im Theater am Kornmarkt in Bregenz kommt die Produktion nach Wien. Breitwieser
Nach Aufführungen bis 25. Mai im Theater am Kornmarkt in Bregenz kommt die Produktion nach Wien. Breitwieser

Chauvinistische Reflexe, Krieg und Österreich – das Aktionstheater stellt brisante Fragen.

Bregenz Er konnte gar nicht anders als auf das zu reagieren, was uns alle bewegt, hat Martin Gruber, Leiter des Aktionstheaters, jüngst im Gespräch mit den VN bekundet. Damals stand er vor der Herausforderung, das Stückkonzept für die geplante Uraufführung im Rahmen des Festivals Bregenzer Frühling ad acta zu legen und den konzipierten zweiten Teil des 2014 realisierten Stücks „Pension Europa“ (in dem Putin übrigens bereits vorkam) neu zu schreiben. Auch im Hinblick auf die bisherige Arbeit des Ensembles kommt „Lüg mich an und spiel mit mir. Pension Europa 02“ an einem Thema, nämlich dem Angriffskrieg Russlands in der Ukraine, nicht vorbei. „Nicht siebengescheit den Leuten etwas erläutern“ ist die Absicht, im Fokus stand die Frage, „wo der Nationalismus, den wir auf das Grausigste erleben, bei uns stattfindet. Wo sind diese chauvinistischen Reflexe, wo ist dieses Großmachtgetue, wie sieht dieser Minderwertigkeitskomplex aus?“, bemerkt der Theaterleiter, Regisseur und Autor zum fertiggestellten Text. Zeynep Alan, Babett Arens, Michaela Bilgeri, Luzian Hirzel, David Kopp und Tamara Stern sind die Schauspielerinnen und Schauspieler, als Musiker treten Dominik Essletzbichler, Daniel Neuhauser, Gidon Oechsner und Daniel Schober auf. „Es war eine Knochenarbeit“, bemerkt Gruber zur Verflechtung von Text und Musik, doch „je professioneller die Leute sind, desto mehr lassen sie sich darauf ein.“

Genaue Beobachtungen

Wer die Arbeiten, etwa das ausgezeichnete „Kein Stück über Syrien“ oder „Lonely Ballads“ kennt, weiß von den Mechanismen der Ortung gefährlicher Verschiebungen im Kleinen bzw. der genauen Beobachtung unreflektierten Verhaltens und unterschwelliger Rassismen im Alltag. „Die Sprache ist direkt und deftig, dem Alltag entnommen und wird literarisiert, indem ich versuche, dass es mehrere Ebenen gibt“, erläutert Gruber seine Arbeitsweise.

Was Theater bewirken kann, diese Frage mag müßig erscheinen, liegt aufgrund dieser Uraufführung, die mit dem erstmals mit Gruber kooperierenden Vorarlberger Landestheater einen weiteren Partner hat, aber auf der Hand. „Es geht nicht darum, was sich seit Brecht geändert hat, oder dass wir den Leuten zu erklären versuchen, was richtig oder falsch ist, Kunst bietet die Möglichkeit der Eigenermächtigung, ich kann hinter die Kulissen blicken, schauen, wie wir ticken.“

Gefährdete Demokratie

Begriffe wie Erkenntnis sind Martin Gruber sowieso viel zu schwülstig, eine Uraufgabe des Theaters, nämlich Machtstrukturen zu hinterfragen, erachtet er nach wie vor als berücksichtigenswert. Da sei man rasch bei der gefährdeten Demokratie. Was den echten Diskurs betrifft, gäbe es in Österreich noch viel Luft nach oben. „Reden wir über die Diktatur der Mehrheit, wenn wir Demokratie meinen, oder sprechen wir über eine wirkliche Diversität? Eine moderne Demokratie, die wir in dieser Form nicht mehr erleben werden, bildet auch die humanen Bedürfnisse von Sozietäten ab, die nicht mehrheitsfähig sind.“

„Was den echten Diskurs betrifft, gibt es in Österreich noch viel Luft nach oben.“

„Lüg mich an und spiel mit mir. Pension Europa 02“ wird als Koproduktion des Aktionstheaters mit dem Landestheater und dem Bregenzer Frühling uraufgeführt. VLT/Köhler
„Lüg mich an und spiel mit mir. Pension Europa 02“ wird als Koproduktion des Aktionstheaters mit dem Landestheater und dem Bregenzer Frühling uraufgeführt. VLT/Köhler
Martin Grubers Stück ist im Moment entstanden, das ist augenscheinlich.
Martin Grubers Stück ist im Moment entstanden, das ist augenscheinlich.

“Lüg mich an und spiel mit mir”, Uraufführung des Aktionstheaters, 18. Mai, 19.30 Uhr, Kornmarkt, Bregenz. Weitere Aufführungen vom 20. bis 25. Mai: landestheater.org