Paukenschlag in Vaduz mit Geschichten aus aller Welt

Kultur / 21.05.2022 • 19:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Vor dem monumentalen Wandteppich der argentinischen Künstlerin Mercedes Azpilicueta: Letizia Ragaglia, Direktorin Kunstmuseum Liechtenstein, mit Diamond Stingily, Simone Bertuzzi , Mercedes Azpilicueta, Simone Trabucchi und Nazgol Ansarinia. <span class="copyright">Sandra Maier</span>
Vor dem monumentalen Wandteppich der argentinischen Künstlerin Mercedes Azpilicueta: Letizia Ragaglia, Direktorin Kunstmuseum Liechtenstein, mit Diamond Stingily, Simone Bertuzzi , Mercedes Azpilicueta, Simone Trabucchi und Nazgol Ansarinia. Sandra Maier

Mit „C4“ zeigt Direktorin Letizia Ragaglia ihre erste Ausstellung im Kunstmuseum Liechtenstein.

VADUZ Seit Juli 2021 amtet Letizia Ragaglia als Direktorin am Kunstmuseum Liechtenstein. „C4“ ist ihre erste „eigene“ Ausstellung in Vaduz. Sie ist ein Paukenschlag, ein offener Blick in Welt und Geschichte(n) und ein starkes, lebendiges Bekenntnis zur Sammlung des Hauses.

Das Verlinken von Gegenwart und Vergangenheit und der Dialog mit der Sammlung zählen zu den erklärten Zielen der Kuratorin, die sich drei Künstlerinnen und ein Künstlerduo eingeladen hat, die sich in ihrem Werk subjektiven und experimentellen Formen des Storytellings verschrieben haben. Gleich vier Positionen, wie es im Titel „C4“ anklingt, sind es also geworden, vier Einzelausstellungen in den vier großzügig dimensionierten Oberlichtsäle des Kunstmuseums und doch eine „Community“ (Gemeinschaft), denn das „C“ steht auch für andere, leitbildartige Begriffe wie „Collection“ (Sammlung), „Crossover“ (Verschränkung), „Contamination“ (Verschmelzung) oder „Collaboration“ (Zusammenarbeit). Einzige Bedingung für das internationale Quartett der Geschichtenerzähler Nazgol Ansarinia, Mercedes Azpilicueta, Diamond Stingily und Invernomuto: Ein persönlicher Blick auf die Bestände und mindestens ein Werk aus der Sammlung integrieren. Der anregende Dialog zwischen der monumentalen Installation „Inverted Pool“ von Nazgol Ansarinia (1979, Teheran) und der turmartigen „Cellule no. 5“ (1992), als Rückzugsort, des Künstlers Absalon aus den Beständen gestaltet sich auf Augenhöhe. Auch die iranische Künstlerin spielt mit der Erfahrung und Vorstellung von Raum, wenn der Pool nur über einen Spiegel an der Decke des Saales oder über eine Leiter eingesehen werden kann, und mit einer Kindheitserinnerung an unbeschwerte Tage im Schwimmbad der Großeltern und der persönlichen Geschichte von Nazgol Ansarinia verknüpft ist.

Installation „Inverted Pool“ von Nazgol Ansarinia. <span class="copyright">Sandra Maier</span>
Installation „Inverted Pool“ von Nazgol Ansarinia. Sandra Maier

Schon mal etwas vom „Kartoffel-Aufstand“ 1917 in Amsterdam gehört, bei dem Arbeiterinnen um eine gerechtere Lebensmittelverteilung kämpften? In den Geschichtsbüchern kaum erwähnt, befasst sich die in Amsterdam lebende argentinische Künstlerin Mercedes Azpilicueta (1981) in einem riesigen Wandteppich voller wunderbarer und seltsamer, historischer und zeitgenössischer Bilder und Geschichten damit. Nachdem sich die Künstlerin häufig weiblich konnotierter Techniken wie Nähen oder Sticken bedient und gerne interdisziplinär arbeitet, ist sie in der Sammlung folgerichtig und voller Begeisterung für das eigenwillige Werk auf die vorarlbergisch-liechtensteinische Künstlerin Anne Marie Jehle (1937–2000) gestoßen und hat eine eigene Werkreihe entwickelt. Darin kombiniert sie nachgebildete und dekonstruierte Möbelstücke nach Fotos aus dem Haus von Jehle mit Arbeiten wie der Blechschürze.

Direktorin Letizia Ragaglia. <span class="copyright">Sandra Maier</span>
Direktorin Letizia Ragaglia. Sandra Maier

Rosa ist die Farbe der Stunde in der zwischen Boudoir und Bestattungsinstitut changierenden, zentralen Installation „Dead Daughter“ von Diamond Stingily (1990, Chicago). Üppige Kunstblumenbouquets auf Sockeln, Abdrücke ihrer Hände und Füße in Bronze und Wachs auf dem rosa Teppich, die amerikanische Künstlerin bezieht sich sowohl auf eine literarische Vorlage, als sie in anderen Werken auch persönliche Erinnerungen mit Themen wie Vergänglichkeit oder Rassismus paart. Das erstaunliche Werk aus der Sammlung ist ein in die künstlerische Gegenwart katapultiertes barockes Stillleben mit Blumen und Früchten. Das italienische Doppel Invernomuto (Simone Bertuzzi, 1983, und Simone Trabucchi, 1982) orientiert sich an Pino Pascalis Arte-Povera-Werk „Zugbrücke“ (1968), beschäftigt sich in seinen installativen Arbeiten mit der italienischen Kolonialgeschichte in Äthiopien, der legendenumwobenen Grotte von Lourdes und in einem trashigen Versatzstück mit einer legendären Disco in Rimini und deren damaliger Clubkultur. Ariane Grabher

Geöffnet im Kunstmuseum in Vaduz, bis 4. September, Di bis So, 10 bis 17 Uhr, Do 20 Uhr. Freier Eintritt am Mittwoch.