Es bleibt ein Werk, das wir benötigen

Kultur / 22.05.2022 • 20:42 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Dirigent Teodor Currentzis mit Zofia Posmysz und David Pountney 2010 bei den Bregenzer Festspielen. BF/Köhler
Dirigent Teodor Currentzis mit Zofia Posmysz und David Pountney 2010 bei den Bregenzer Festspielen. BF/Köhler

“Die Passagierin” von Weinberg, eine Wiederentdeckung der Bregenzer Festspiele, wurde nun in Tirol realisiert.

Innsbruck, Bregenz Im Rahmen der vielen Produktionen, mit denen sich die österreichischen Länderbühnen als wertvolle und eminent wichtige Diskursplattformen positionieren, nimmt die Oper „Die Passagierin“ von Mieczyslaw Weinberg eine besondere Position ein. Im Sommer 2010 im Rahmen der Bregenzer Festspiele szenisch uraufgeführt (sowie von Bühnen in den USA, in Warschau, London oder Tel Aviv übernommen) und damit vom damaligen Intendanten David Pountney wiederentdeckt, realisierte die Oper Graz im Herbst 2020 eine eindrückliche Neuinszenierung des Werks und nun bietet es Intendant und Regisseur Johannes Reitmeier zum Abschluss der Saison am Tiroler Landestheater in Innsbruck an. Als Zeichen seines Engagements für die Erörterung der Zeitgeschichte und die Berücksichtigung des jüngeren Musikschaffens ist das dem Leiter eines vergleichsweise kleinen Dreispartenhauses hoch anzurechnen.

Abgesehen vom Inhalt der Oper, die davon handelt, dass Lisa, eine ehemalige Aufseherin im KZ Auschwitz-Birkenau einige Jahre nach der Befreiung des deutschen Vernichtungslagers mit ihrer Beteiligung am Massenmord konfrontiert wird, geht mit dem Akt des Gedenkens und gegen das Vergessen die Auseinandersetzung mit den jahrzehntelang im Musikleben unterrepräsentierten Kompositionen von Mieczyslaw Weinberg (1919-1996) einher. Das Werk, das schon Schostakowitsch als eines bezeichnete, das wir „heute dringend benötigen“, dokumentiert seine hohe Fähigkeit im dramaturgisch wirkungsvollen Umgang mit Motiven, der Verwendung von Liedsequenzen und dem erschütternden Einsatz einer Botschaft: Kurz vor dessen Ermordung lässt er den KZ-Häftling Tadeusz die D-Moll-Chaconne von Bach auf der Geige spielen – eine wunderbare Schöpfung eines Menschen steht neben einem der grausamsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte.

Vergleiche mit Bregenz und Graz

Bei der szenischen Uraufführung in Bregenz stand der mittlerweile sehr bekannt gewordene Dirigent Teodor Currentzis am Pult der Wiener Symphoniker, Tommaso Turchetta hat mit dem Tiroler Sinfonieorchester aufgrund der Räumlichkeiten leichte Adaptierungen vorgenommen und erreicht eine spannungsvolle Wiedergabe mit gut herausgearbeiteten Feinheiten. Mit Nadja Stefanoff wurde für die Rolle der Gefangenen Marta jene Sopranistin engagiert, die bereits an der Oper Graz mit schöner Färbung der Stimme überzeugte. Jennifer Maines bewältigt die Partie der Lisa mit hoher Kompetenz, der Chor wirkt bestens ins akustische Gesamtbild integriert und die solistischen Auftritte der Mithäftlinge in ihren Herkunftssprachen werden zu jeweils berührenden Momenten. Das Konjugieren des Verbs “leben” der jungen Yvette zählt dabei zu den schmerzvollsten Bildern. Dass Reitmeier diese Szene nicht fokussiert, sondern mit dem Auspacken von Koffern überlagert, ist nicht nachvollziehbar. Die Inszenierung folgt ansonsten einem klug erzählenden Duktus. Nadja Loschky gelang in Graz eine dramaturgisch ausgefeilte Klammer zur Gegenwart, David Pountney schuf in Bregenz mit dem Bühnenbildner Johan Engels eine hervorragende Verbindung der harten Lager-Realität mit den fiktiven Elementen einer Schiffsreise, bei der die Begegnung zwischen Marta und der alles verdrängenden Lisa stattfindet. Thomas Dörfler setzt in Innsbruck ebenfalls auf eine Art drehbares Schiff mit funktionierenden Spielebenen.

Zofia Posmysz

„Es gibt keine Möglichkeit, adäquat darzustellen, was dort passiert ist“, hatte die Autorin und Journalistin Zofia Posmysz (geb. 1923) im Jahr 2010 im Gespräch mit den VN gesagt. Posmysz hatte das Grauen von Auschwitz zweieinhalb Jahre durchlitten. Ihre Aufseherin musste sich für ihre Verbrechen nicht verantworten. In der Kunst fand Zofia Posmysz eine Möglichkeit der Vermittlung ihres Wissens. Es entstanden ein Hörspiel und eine Novelle, die auch als Basis für einen Film dienten, und schließlich die Oper von Weinberg mit dem Libretto von Alexander Medwedew. Es ist gut, das einst von der Sowjetunion mit Aufführungsverbot belegte Werk nun präsent zu halten.

Bild aus der szenischen Uraufführung der Oper „Die Passagierin“ in Bregenz. VN/KH
Bild aus der szenischen Uraufführung der Oper „Die Passagierin“ in Bregenz. VN/KH
Das Tiroler Landestheater bietet nun eine Neuinszenierung der Oper
Das Tiroler Landestheater bietet nun eine Neuinszenierung der Oper “Die Passagierin” von Weinberg nach dem Text von Zofia Posmysz.  TLT/Gufler

Nächste Aufführung von “Die Passagierin” am Tiroler Landestheater in Innsbruck am 10., 17. und 24. Juni: landestheater.at