Nessie trägt Schindeln aus dem Bregenzerwald

Kultur / 09.06.2022 • 14:00 Uhr / 1 Minuten Lesezeit
Luka Jana Berchtold. <span class="copyright">Dock 20/Kuzmanovic</span>
Luka Jana Berchtold. Dock 20/Kuzmanovic

Unter dem Titel „Dicke Haut“ zeigt die Bildhauerin Luka Jana Berchtold neue Arbeiten im Dock 20.

Lustenau Die Dicke unserer Haut schwankt je nach Körperregion zwischen 30 Mikrometern und vier Millimetern. Schutz und doch eine durchlässige Membran, bildet die Haut die Grenze und Verbindung zwischen dem Ich und der Welt, zwischen Innen und Außen. Die sprichwörtliche Elefantenhaut, die der Titel ihrer aktuellen Ausstellung im Lustenauer Dock 20 antönt, wünscht sich Luka Jana Berchtold indes nur manchmal. Denn: „Sensibilität“, so die aus dem Bregenzerwald stammende Bildhauerin, „ist essenziell für mein künstlerisches Schaffen.“ In „Dicke Haut“, ihrer ersten institutionellen Einzelausstellung, zeigt die Künstlerin Objekte, in denen sie ihrer Empfindsamkeit, ihren ganz eigenen Emotionen, aber auch gesellschaftlichen Gefühlslagen Form und Gestalt verleiht.

"Creep“ von Luka Jana Berchtold schleicht durch den Raum. <span class="copyright">Dock 20/Kuzmanovic</span>
"Creep“ von Luka Jana Berchtold schleicht durch den Raum. Dock 20/Kuzmanovic

Materialvielfalt ist für Luka Jana Berchtold nicht nur ein Wort, sondern Programm, wenn sie über neue Werkstoffe lustvoll, neugierig und zuweilen auch experimentell zu neuen Techniken und Umsetzungsmethoden findet. Bereits die Materialbeschaffung beginnt häufig mit unvorhersehbarem Ausgang und dem Zufall als Partner, wenn sich die Künstlerin dringend Benötigtes, aber meist schon Gebrauchtes, für ihre Werke auf Verkaufsplattformen im Internet organisiert und dabei in Kontakt mit Menschen kommt, die sie im „normalen“ Leben gar nie treffen würde. Kommunikation und Austausch auch auf inhaltlicher Ebene sowie Zusammenarbeit sind denn auch wesentliche Prinzipien im Leben und der Kunst der Bildhauerin, die sich in einem traditionell männlich dominierten Medium auch mit Aspekten des Weiblichen und Häuslichen befasst und Dualismen aufzeigt. So hat das als „Bounce“ (Türsteher) betitelte, zusammengeschweißte Schmiedeeisengitter, das den Zugang zur Ausstellung versperrt oder wegsperrt, Privates von Öffentlichem trennt und doch durchlässig ist, nicht nur etwas Metallisch-Hartes, sondern erinnert in seiner verschnörkelten Konstruktion auch an Stickereispitzen.

Am 10. September wird ein Katalogbuch der Arbeiten von Luka Jana Berchtold präsentiert. <span class="copyright">Dock 20/Kuzmanovic</span>
Am 10. September wird ein Katalogbuch der Arbeiten von Luka Jana Berchtold präsentiert. Dock 20/Kuzmanovic

Dahinter, im geschützten Bereich, präsentiert sich, wie Teile eines gerade auftauchenden, riesigen Seeungeheuers, ein Dickhäuter der etwas anderen Art. „Creep“ schleicht durch den Raum, aus zwei sichtbaren Teilen entsteht in der Vorstellung der Besucherinnen und Besucher ein Ganzes. Das Schuppenkleid aus dunklen Holzschindeln ist eine kleine Hommage der Künstlerin an ihre Heimat, den Bregenzerwald, und in Zusammenarbeit mit ihrem Vater entstanden.

Mit Humor und Vorleben

Wie wichtig das manuelle (Er)Arbeiten für Luka Jana Berchtold ist, zeigt sich auch in den Objekten im großen Raum. Zwischen Sandmalerei und der Staubschicht, die unter Teppichen liegen bleibt, zwischen steter Veränderung und dem Bleibenden, ist eine vor Ort entstandene Bodenarbeit angesiedelt, die am Ende der Ausstellung den Weg alles Vergänglichen geht und zusammengekehrt und eingesaugt wird, während bei einem grünen „Gemälde“ aus Leder Inhalt und Leinwand ident sind. Dass die Bildhauerei auch Humor verträgt, demonstriert die 12-teilige „Frottee-Serie“ mit Titeln wie „Meister Propper“ oder „Feuchter Furz“. Zusammengeknüllte, in Keramik erstarrte Putzlumpen und Handtücher, die der Haut sehr nahegekommen sind, demonstrieren Momente der Intimität und bringen eine Vorgeschichte mit, wenn man sich die Frage stellt, was mit den Frottee-Tüchern bereits weggewischt oder getrocknet wurde. Die waffelartige Struktur des Textilen erinnert an Hühnerhaut, die Serie ist aber auch ein perfektes Beispiel für den Transfer zwischen den Medien, dessen sich die Künstlerin gerne bedient. Auch das Zinn, das geschmolzen und zu Tränen, die auf einem Handtuchhalter aufgereiht zu trocknen scheinen, oder zu übergroßen, im Raum verteilten Oberkiefern, die auf das Sprechen verweisen, gegossen wurde, hatte in Form von Bechern, Krügen und ähnlichem ein nun ausgehauchtes Vorleben. Ebenso visuell wie taktil, laden die Werke von Luka Jana Berchtold zu einem individuell geprägten Körper-Sehen und Körper-Erleben in Raum und Zeitlichkeit ein.

Objekt von Luka Jana Berchtold. <span class="copyright">Dock 20/Kuzmanovic</span>
Objekt von Luka Jana Berchtold. Dock 20/Kuzmanovic

Die Ausstellung im Dock 20, Pontenstraße 20, in Lustenau ist bis 10. September geöffnet: Do von 14 bis 20 Uhr, Fr und Sa von 14 bis 18 Uhr.

Luka Jana Berchtold

Geboren 1990 in Schwarzenberg

im Bregenzerwald

Ausbildung Studium an der Universität für angewandte Kunst in Wien (Brigitte Kowanz); an der Akademie der bildenden Künste in Wien (Pawel Althamer, Matthias Herrmann, Gunter Damisch)

Laufbahn zahlreiche Einzelausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen, Kunst-und-Bau-Projekt für die Wälder Versicherung in Andelsbuch

Wohnort Wien

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