Wie ein Schubertiade-Debüt zum Ereignis wird

Kultur / 21.06.2022 • 22:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Patrick Grahl mit Daniel Heide im Angelika-Kauffmann-Saal in Schwarzenberg. <span class="copyright">Schubertiade</span>
Patrick Grahl mit Daniel Heide im Angelika-Kauffmann-Saal in Schwarzenberg. Schubertiade

Die “edle Müllerin” statt “schöne Müllerin” von Patrick Grahl bei der Schubertiade.

SCHWARZENBERG. Schuberts einsamer Geniestreich „Die schöne Müllerin“ steht in jeder Schubertiade meist mehrmals auf dem Programm, in einer Unzahl verschiedener Zugänge. Der junge Leipziger Tenor Patrick Grahl hat ihnen in seiner persönlich gefärbten Lesart eine weitere hinzugefügt, wie man sie hier noch kaum erlebt hat: so inwendig, in sich gekehrt, ohne große emotionale Ausbrüche und ohne Aufbegehren gegen sein Schicksal, das ihm die Müllerin letztlich vorenthält. „Die edle Müllerin“ müsste dieser Zyklus bei ihm heißen, bei dem er vom ersten Ton seines deutlich hellen, hohen, schlank geführten Tenors an frappant an den großen ostdeutschen Kollegen Peter Schreier erinnert, ein unvergessener „Müllerbursche“ von einst, bei dem er auch studiert hat. 

Im Gegensatz zu diesem ist Patrick Grahl bei uns noch ein unbeschriebenes Blatt. Doch wenn man erkennt, wie kunstvoll, aber sparsam er Elemente aus der vokalen barocken Verzierungstechnik mit kleinen Umspielungen der Melodie auch bei Schubert anwendet, wird einem klar, warum Grahl, wie man im Programm nachliest, derzeit zu den besten Evangelisten in Bachs Passionen zählt. Daniel Heide, der ihn wie auf Händen trägt, nimmt die Anregung flink auf und gibt seiner Klavierbegleitung manches kleine barocke Extra mit auf den Weg. Eine faszinierende Übereinstimmung im Kleinen, der auch ein Einklang in Tempo, Dynamik, Farbgebung folgt.

Es ist schon etwas Besonderes, wenn sich ein junger Sänger mit einem bleibenden Kunstwerk wie der „Müllerin“ in sein Debüt bei einem so bedeutenden Liederfestival stürzt. Sein Sicherheitsnetz dabei ist ein Notenpult, gewöhnlich ein No-Go für Sänger mit so populärer Literatur. Mit Ausnahme des Schnellsprech-Wettbewerbs im „Jäger“ ist es für ihn wohl mehr eine Notfall-Stütze, die er kaum in Anspruch nimmt. Umso mehr, als er in keinem Moment den Eindruck von Premierenfieber erkennen lässt. Grahl ist in allem die Ruhe selbst und liefert so auch gut die Hälfte seiner Lieder in einem gleichbleibenden, dennoch nie eintönigen Erzählton ab. Bis zu „Mein“ – „Die geliebte Müllerin ist Mein!“ – mit einem sicher gestemmten Spitzenton im Forte. Daraufhin fangen einige Zuhörer zu klatschen an – nicht wegen des hohen Tons, sondern weil danach im Programm „Pause“ steht, damit aber für jeden Kundigen der Name des nächsten Liedes gemeint ist und keine Unterbrechung. Der Großteil des Publikums schüttelt unwillig den Kopf, ältere Fachleute lächeln, erinnern sich an Peter Schreier, dem das hier im ersten Schubertiade-Jahr in Hohenems widerfahren ist. Daniel Heide am Klavier ist so von der Rolle, dass er das nächste Lied mehr improvisiert als notengetreu begleitet. Aber damit ändert sich auch grundsätzlich der emotionale Ausdruck. Grahl findet nun neue Deutungen, lässt in den „Trock‘nen Blumen“ eine letzte Resignation anklingen, bevor er wie einen Spaziergang die letale Reise in „Des Baches Wiegenlied“ antritt. Man kann sich nicht erinnern, dass jemand mit so wenig äußeren Mitteln, mit so viel Understatement solche Bestürzung, Betroffenheit, Berührtheit bei den Zuhörern zu wecken imstande war. Sogar der Beifall fällt zwar hörbar positiv, aber ebenso verhalten aus wie der Zyklus selbst.

FRITZ JURMANN