Opernspaß auf vermintem Gelände

Kultur / 22.06.2022 • 20:12 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
In Glogers aufdatierter „Figaro“-Lesart bildet die Entsprechung dazu, dass der Graf das „ius primae noctis“ auflöst, die Ausrufung eines Verhaltenskodex.oper/Prammer
In Glogers aufdatierter „Figaro“-Lesart bildet die Entsprechung dazu, dass der Graf das „ius primae noctis“ auflöst, die Ausrufung eines Verhaltenskodex.oper/Prammer

Mozarts „Figaro“ lässt sich ohne Regiegewürge auch als ein Stück zur Übergriffigkeit lesen.

Zürich Dass es einst ein „Recht der ersten Nacht“ in verbriefter Form tatsächlich gegeben hätte, lässt sich zwar nicht hinreichend belegen, ist aber immerhin möglich. Das Motiv des „ius primae noctis“ ist in einer Theaterkomödie des Franzosen Beaumarchais prominent verarbeitet worden und hat über das Libretto des Italieners Da Ponte Eingang gefunden in „Le nozze di Figaro“. In dieser 1786 in Wien uraufgeführte Opera buffa mit der ingeniösen Musik von Mozart hat Graf Almaviva das sexuelle Erstzugriffsrecht für Feudalherren an sich abgeschafft – will sich aber im Falle von Susanna doch nicht daran halten. Das Kammermädchen möchte gerade mit dem Kammerdiener Figaro Hochzeit feiern. So entspinnen sich Intrigen und eine Gegenintrige, bis der Graf entlarvt wird, am Ende um Verzeihung bitten muss. Jan Philipp Gloger siedelt seine Neuinszenierung am Opernhaus in der unmittelbaren Gegenwart an. Was sollte da noch das „Recht der ersten Nacht“? Das Thema von der sexuellen Belästigung freilich ist heute keineswegs abgeschlossen. In Glogers aufdatierter „Figaro“-Lesart bildet die Entsprechung dazu, dass der Graf das „ius primae noctis“ auflöst, die Ausrufung eines Verhaltenskodex, also eines jener „Codes of Conduct“, wie sie aktuell gerne von Unternehmen genutzt werden. Indem Almaviva die Regeln unterläuft, entspricht dies seinem Zurückrudern in der ursprünglichen Version der Oper.

Ein glaubhaft „verrückter Tag“

Nicht restlos überzeugen Sinn und Hintersinn der großbürgerlichen Villa mit Angestellten, die Almaviva führt. Plausibel als ordnungsstiftende „Gefäße“ wirken allerdings die realistisch ausgestalteten Bühnenbilder von Ben Baur, die aktweise hochsteigen vom Innenhof über Aufenthaltsräume des Personals und den gräflichen Salon bis zur Dachkammer (der Ort auch für handfesteren Sex). Karin Juds Kostüme helfen, den Bezug zur unmittelbaren Jetztzeit festzuzurren. Mit seinem spielfreudig-agilen Ensemble schafft es der Regisseur, die dieser Oper eingeschriebene Rasanz zu pulsierendem Leben zu bringen, so einen glaubhaft „verrückten Tag“ zu entrollen und die dem Stück innewohnende Gesellschaftskritik unmittelbar aus den Figuren heraus zu entwickeln. Die Feier der kinetischen Energie, die musikalisch bereits in der Presto-Ouvertüre angelegt ist, erfährt selbst noch eine bewegte Verschriftlichung, wenn Cherubinos „Non so più cosa son, cosa faccio“ („Ich weiß nicht mehr, wer ich bin, was ich tue“) über einen Zwischenvorhang flimmert. Gloger lässt indes auch Slow-Motion-artige Entspannungszonen und melancholische Eintrübungen zu. Das Thema Übergriffigkeit betrifft nicht nur den Grafen und den hormonbeduselten Jüngling Cherubino, erfährt also Weiterungen.

Morgan Pearse ist ein wunderbar wendiger, körperhaft-gestisch agierender Figaro. Louise Alder singt die Susanna mit sehr trimbreschönem, warm strömendem Sopran, Anita Hartig die Gräfin etwas zu laut und mit einer leichten Schärfe in der Stimme. Daniel Okulitch gibt einen bühnenpräsenten Grafen in allen Lagen. Lea Desandre überzeugt als Cherubino mit androgyner Anmutung, aber weniger mit dem etwas zu dünnstimmigen Gesang, der zudem behauptete Emotionen zu wenig beglaubigt. Überzeugend der Chor und, in weiteren Rollen, Malin Hartelius, Yorck Felix Speer (sein Bartolo ist herrlich), Spencer Lang, Ruben Drole, Ziyi Dai und Christophe Mortagne. Die Philharmonia Zürich unter Stefano Montanari kann im Sauseschritt durch den Orchesterpart wirbeln, rhythmisch auch scharfe Akzente setzen und wiederum die Ausdruckspalette erweitern um kantabel gezogene Linien und zarte Espressivi. Im Continuo bewegt man sich geschmacklich mitunter in einer heiklen Grenzzone zu gewollten Effekten.

Weitere Vorstellungen von “Le nozze di Figaro” bis 10. Juli: www.opernhaus.ch