Keine Kunstdebatte

Kultur / 24.06.2022 • 22:51 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Richard Bell will den kulturellen Austausch, den politischen Diskurs und die Solidarität fördern. VN/DIETRICH
Richard Bell will den kulturellen Austausch, den politischen Diskurs und die Solidarität fördern. VN/DIETRICH

Als Weltkunstschau, die sie sein sollte, hat sich die documenta bei der 15. Ausgabe jedenfalls abgeschafft.

Kassel Aus der Perspektive von Ausstellungsbesuchern – auch in der Region – war die documenta in Kassel bislang auch von Interesse, weil sich erkunden ließ, inwieweit sich dort mit ihren Werken vertretene Künstlerinnen und Künstler für Engagements empfehlen. Im Sommer 2017 stieß man beispielsweise auf eine Aktion von Otobong Nkanga, die Direktor Thomas D. Trummer später ins Kunsthaus Bregenz lud. Derlei Kontakte werden sich heuer kaum ergeben. Auch die Annahme, dass das Rezipieren von Kunst bzw. deren Bewertung nach der documenta 2022 zu überdenken ist und dass die diesjährige Weltkunstschau, die fünfzehnte seit der Gründung im Jahr 1955, dazu den Anstoß geben kann, ist mittlerweile obsolet. Die documenta macht Schlagzeilen – negative. Hat das indonesische Kuratorenkollektiv Ruangrupa etwa mit der Aufforderung zur Teilhabe an schöpferischen Prozessen einen Diskurs zum Kunstbegriff, zu Partizipation oder Kunstmarktmechanismen in Gang setzen wollen, so hat man diese Absicht schon in den ersten von den geplanten 100 Tagen Laufzeit vergeigt. Es zeigt sich ein Dilettantismus, dessen enormes Ausmaß sich noch nicht abzeichnete, als die Debatte über die Einladung von Künstlerkollektiven, die Organisationen nahestehen, die zum Boykott gegen Israel aufrufen, immer fragwürdiger wurde.

Wenn eindeutige antisemitische Sujets wie ein Schweinsgesicht mit Davidstern oder eine Figur mit jüdischer Adjustierung und Raffzähnen in einem großformatigen Bild von Taring Padi laut Kommentar der Kuratoren nicht als solche erkannt werden, ist das nicht nur Ignoranz, sondern auch ein Bildungsdefizit, das ein Kuratorenkollektiv, das man mit der Ausrichtung einer der weltweit wichtigsten Ausstellungen von zeitgenössischer Kunst betraut hatte, nicht haben darf. Sich auf die Meinungsfreiheit in Deutschland zu berufen, die man höher eingeschätzt hätte, klingt wie ein Hohn. Bezeichnenderweise war besagtes und nun kurz nach der Eröffnung am vergangenen Samstag wieder entferntes Banner vor dem Museum Fridericianum in den Previewtagen, an denen sich die Kunstkritiker und Medienvertreter mit der Ausstellung befassten und die ersten Berichte verfassten, noch gar nicht zu sehen. Vielleicht war dies ein Zufall, vielleicht auch ein Kalkül.

Historisch falsch

Der globale Süden sieht die Gründung des Staates Israel vor allem im Kontext der europäischen Kolonialgeschichte. Dies stellt sich nun auf der documenta dar. Abgesehen davon, dass dies historisch falsch ist, birgt das, was sonst bislang auf der documenta zu sehen ist, keinen Anstoß zu einer tiefgreifenden Kunstdebatte. Ein intellektueller Austausch basiert auf der Begegnung mit Einzelpersonen und deren Diskursfähigkeit. Diese geht ab, wenn – wie nun – nahezu nur Kollektive tätig sind, deren Konsens den Widerspruch als wichtigen Prozess hin zu demokratischen Prinzipien von vornherein verringert.

Der Platz vor dem Fridericianum war bei der Preview leer.
Der Platz vor dem Fridericianum war bei der Preview leer.
Masken zensierter Künstler und Intellektueller des kubanischen Instituto de Artivismo.
Masken zensierter Künstler und Intellektueller des kubanischen Instituto de Artivismo.
Mohammed Al Hawajri verknüpft Isreal-Kritik mit klassischen Bildsujets.
Mohammed Al Hawajri verknüpft Isreal-Kritik mit klassischen Bildsujets.

Die 1955 gegründete documenta gilt als die wichtigste Präsentation der Gegenwartskunst, findet alle fünf Jahre in Kassel statt und läuft heuer bis 25. September.