Sinn gibt das auf jeden Fall

Kultur / 27.06.2022 • 21:04 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die Ausstattung hat Sandra Münchow entworfen.
Die Ausstattung hat Sandra Münchow entworfen.

Die neue Produktion des Walktanztheaters stellt Partizipation auf besondere Weise in den Mittelpunkt.

Lustenau Ist da jemandem das geliebte Haustier entwischt? „WO BIS DU?“ (ohne T) stand jedenfalls in großen Lettern an einer Wand geschrieben. Ein gezeichnetes Kätzchen ist zu erkennen. Möge es gefunden worden sein. So ein Bild weckt in uns allen Emotionen und Erinnerungen. Man nimmt Anteil. Das Walktanztheater, seit Jahren geleitet von Brigitte Walk, hat damit die neue Produktion betitelt, holt thematisch weit aus und möge breite Publikumsschichten erreichen.

Die Premiere einer Aufführung in einzelnen Stationen im öffentlichen Raum in Lustenau stimmt diesbezüglich schon einmal optimistisch. Zum Konzept zählt, dass diese Stationen von den Besuchern nicht nur bevorzugt erradelt  werden müssen, weil dies eine probate Fortbewegungsart ist, weil es die Jahreszeit ermöglicht und weil der Kopf bei der Beinarbeit frei zu bekommen ist, sondern weil das, was man zwischen den  Spielorten zu sehen bekommt, an sich auch zum Stück zählt. Das ist einmal ein ernüchterndes Beispiel – quasi pars pro toto – für die Zersiedelung im Rheintal und ein anderes Mal die Tatsache, dass Grünflächen entweder sehr begrenzt oder kaum gewartet sind bzw. ohnehin bald verschwinden werden, weil der Baukran schon da steht oder mit dem Erdaushub bereits begonnen wurde.

Freiflächen zurückerobern

Nichtsdestotrotz ist die Gegend in und rund um Lustenau immer noch eine, in der es sich zum Teil gut leben lässt und in der das so bleibt, wenn die in Gang gesetzte Sensibilisierung auch zu Taten führt. Zu solchen Mechanismen zählt es, dass sich Menschen Freiflächen, die sie im Grunde genommen mitfinanzieren, auch wieder zurückerobern, dass sie kreativ sind und dass Kulturschaffende, die sich mit dem Thema auseinandersetzen, sich im besten Fall für Partizipation entscheiden. Das Walktanztheater von Brigitte Walk ist ein gutes Beispiel dafür. Sie vernetzt Profis aus dem Tanz-, Theater- und Musikbereich mit engagierten Amateuren bzw. Kindern und Jugendlichen, holt sich zudem Autorinnen und Autoren sowie Pädagogen ins Boot und scheut keinen Aufwand (etwa einen immensen Probendurchgang), um so faszinierende und erlebnisreiche Projekte umzusetzen wie nun „WO BIS DU?“. Vom Rheinufer in der Augartenstraße bis zur Hannes-Grabher-Siedlung in Lustenau führt der Radweg, an dem Performances stattfinden, die ob ihrer Optik mit den weißgekleideten Ausführenden in der Landschaft nicht nur Aufmerksamkeit erregen, sondern eine Art Traumbilder erzeugen.

Hier macht der Alltag Pause, wir sehen Figuren, die weder auf den Rheindamm noch in die hochgewachsene Wiese neben einer Baustelle gehören – das schärft die Sinne und konfrontiert niederschwellig mit künstlerischen Äußerungen, die Ausstatterin Sandra Münchow entsprechend unterstrichen hat. Claudia Grava hat eine Choreografie für das Kollektiv geschaffen, durch die einprägsame, fantasievolle Bilder entstehen, und die passende Musik stammt von Martin E.Greil.

Differenzierter Text

In gewisser Weise, aber niemals aufdringlich, illustriert sie auch den Text von Amos Postner. Der Vorarlberger, von dem bislang etwa im Theater Kosmos Stücke aufgeführt wurden, weiß, dass er den beiden Schauspielern Sabine Lorenz und Suat Ünaldi einiges zumuten kann. Zum Teil ist es eine Reflexion auf die genutzte oder ungenutzte, der Natur abgetrotzte oder von der Natur – dem Rhein – besetzte Landschaft, zum Teil sind es introspektive Texte, wenn etwa zwei Arbeiter wie auf der Baustellenszene ihre monotone Tätigkeit thematisieren. Dazu kommen leise und keineswegs zu plakative Äußerungen eines Kollektivs, das Auswege sucht oder aufzeigt sowie Bemerkungen zum Status quo des Zusammenlebens, zur Identität, zum Verhalten in der Gruppe, zum Sinn des Ganzen. Wobei eines feststeht: „WO BIS DU?“ gibt Sinn und wirkt bei Besuchern und Zaungästen nach.

Sabine Lorenz und Suat Ünaldi mit dem Ensemble.
Sabine Lorenz und Suat Ünaldi mit dem Ensemble.
Partizipation heißt, dass hier Amateure mit Künstlerinnen und Künstlern arbeiten und das Publikum zudem einbezogen wird. Sarah Mistura
Partizipation heißt, dass hier Amateure mit Künstlerinnen und Künstlern arbeiten und das Publikum zudem einbezogen wird. Sarah Mistura

Weitere Aufführungen des Stücks vom 28. Juni bis 3. Juli, jeweils ab 19.30 Uhr. Treffpunkt: Lustenau, Augartenstraße 88: walktanztheater.com