Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Er bekommt kein „gut“

Kultur / 01.07.2022 • 17:58 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

In einem Interview mit den VN hat sich Bildungsminister Martin Polaschek vor ein paar Tagen selbst benotet: Er hat seiner bisherigen Arbeit die Note „gut“ gegeben, in Ziffernnoten, die er ja so gerne mag, wäre das ein „Zweier“. Wir wissen ja: Selbsteinschätzung und Fremdeinschätzung klaffen bisweilen ziemlich heftig auseinander. Denn ich zum Beispiel – und ich weiß, ich bin nicht der Einzige – würde ihm nie eine solch gute Note verleihen. Bei mir hätte er einen ziemlich wackligen „Vierer“, gerade mal ein „genügend“ also. Nicht gerade berauschend also für den Oberlehrer der Nation.

Diese bescheidene Bewertung hängt damit zusammen, dass Polaschek in zwei wesentlichen Fragen einer sehr konservativen, manchmal geradezu gegen die Kinder gerichteten pädagogischen Vorstellung anhängt. Da sind einmal die schon angesprochenen Ziffernnoten, die der vorige Minister Heinz Faßmann für die Volksschulen wieder eingeführt hat.

Polaschek will das – entgegen der Meinung vieler Grundschullehrer:innen – beibehalten, denn „wir sollten aufhören, ständig etwas einzuführen und dann wieder zu ändern“. Gilt das auch wider besseres Wissen? Das ist doch seltsam und eines ehemaligen Rektors einer Universität in Wahrheit unwürdig.

Noch gewichtiger aber ist die Haltung des Ministers gegenüber der Gesamtschule, also der gemeinsamen Schule der Kinder bis zum vierzehnten Lebensjahr. Da meint Polaschek, dass wir „keine großangelegte Grundsatzdiskussion zu führen brauchen“. Doch da irrt der Minister, denn gerade jetzt erleben wir wieder, wie Kinder und Lehrer in der vierten Klasse Volksschule dem Druck von Eltern ausgesetzt sind, die ihre Kinder im Gymnasium sehen wollen. Man sollte, meint er, vermitteln, dass es „keine Wertigkeit zwischen den einzelnen Schultypen gibt“. Das wurde versucht – und man ist gescheitert. Alljährlich kommt es zum neuen Run auf die Gymnasien, weil die Eltern der neuen Mittelschule nicht genug zutrauen. Einmal ganz abgesehen davon, dass der Vorarlberger Landtag schon vor Jahren einen einstimmigen Beschluss für eine Modellregion zur Gemeinsamen Schule gefasst hat – allerdings dann auch kalte Füße bekommen hat und den Beschluss nie umsetzte. Nun aber meinte – nach der Aussage Polascheks – die grüne Bildungssprecherin Eva Hammerer, man müsse endlich das tun, was beschlossen sei. Sie hat von vielen Fachleuten heftige Zustimmung für diese Aussage bekommen. Also: Die Grünen sitzen seit Längerem in der Regierung, es ist endlich an der Zeit, dass sie dem Regierungspartner ÖVP „Füür unterm Füdla“ und den längst notwendigen Schritt in der Bildungspolitik machen. Ob das der Herr Minister Polaschek will oder nicht, ist schlichtweg egal.

„Alljährlich kommt es zum neuen Run auf die Gymnasien, weil die Eltern der neuen Mittelschule nicht genug zutrauen. “

Walter Fink

walter.fink@vn.at

Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.